Stanislav Pjotronov
Ein Menschenleben lang folgte ich einem Traum, die Menschen unter der Führung von unsterblichen Wesen in ein goldenes Zeitalter zu führen. Ein Menschenleben lang bekämpfte ich alle, die sich diesem Traum in den Weg stellten -- mit der Feder und mit dem Schwert; ein Menschenleben lang hat es gedauert, zu erkennen, daß dieser Traum die Menschen in den Abgrund führte. Ich diente den Alten meines Blutes und sie haben unseren Traum verraten; ich diente den Alten anderer Geblüter ihren Traum zu verwirklichen und sie haben auch diesen verraten. Ich diente meinem eigenen Traum -- und habe ihn verraten. Jetzt fürchte ich mich vor meinem nächsten Traum und doch fiebere ich ihm entgegen: Es muß einfach mehr geben in dieser Welt der Dunkelheit.

Spätsommer 2004 erwachte Stanislav Pjotronov in Marburg aus der Starre; er kann sich bis heute nicht daran erinnern, wie er in diese geriet. Bis auf die wenigen Gegenstände, die er am Leibe trug, und die Einschußlöcher über seinem Kurzzeitgrab hat er keinerlei Hinweise. Er erzählt gerne jedem von den bruchstückhaften Erinnerungen, die er in den Nächten vor seiner Starre verortet, einer Jagd quer durch deutsch Wälder -- und Stanislav die Beute.
Stanislav hat eine wechselhafte Vergangenheit hinter sich, die ihn zum heutigen Zeitpunkt in einen Zustand fortgeschrittener Resignation versetzt hat; alle Träume, an die er in seinem Unlebensjahrhundert verfolgt hat, haben sich als hohl und leer erwiesen oder er wurde von den Protagonisten dieser Träume bitterlich enttäuscht. Einst ein glühender Kommunist hat er in den 80er-Jahren den Kommunismus selbst verglühen sehen. Seitdem ist er beständig auf der Suche nach einem Traum, den zu leben es sich lohnt. In letzter Zeit fällt er durch die Betonung unkonservativen --manche würden wohl auch 'anarchistischen' sagen-- Gedankenguts auf -- vielleicht ein Anzeichen seines zurückkehrenden Brujah-Idealismusses, vielleicht aber auch der Beginn eines Abgleitens in einen Bruch mit den Werten der Camarilla. Auf jeden Fall steht er aber kurz davor, eine neue Phase seines Unlebens zu beginnen.
Stanislav kämpft noch mit seinen Dämonen. Es ist bekannt, daß er in den Wintersemestern an der Universität Potsdam als Gastprofessor Seminare in Politologie abhält. Es gibt auch Gerüchte, wonach er in den Berliner Umlanden nach etwas sucht. Er ist zerrissen zwischen der Angst vor der Zukunft und der Ungewißheit seiner Vergangenheit. Der Dienst unter dem Ahnsherren
Arcangelo Corelli, den er Oktober 2006 begann, scheint seine Zerrissenheit zumindest oberflächlich geflickt zu haben -- gegenüber seinen Familienmitgliedern ist er weiterhin der große Bruder, doch führt ihn sein Dienst jetzt noch häufiger in die Einsamkeit, und wer vermag zu sagen, welchen Gedanken er dann nachhängt.
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