AristideGillette

Revision [8356]

This is an old revision of AristideGillette made by Masin Al-Dujaili (Admin-Konto) on 2008-09-07 14:47:31.

 

Aristide de Lesseps




Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal bin ich blind und spüre
Blut im Munde.


- Gottfried Benn, Mutter

Aristide de Lesseps bei Simon Lions Pokerabend

Aristide Gillette, der vor einigen Jahren den Namen seiner als verfemte Sabbatianerin gestorbenen Erzeugerin Corinne de Lesseps annahm, liebte die Literatur und hasste die Gewalt. Leider spielte dem sprichwörtlich leidenschaftlichen Brujah und sprachgewandten Literaten das Schicksal allzu oft übel mit und er musste seine langen, kalten Finger von den Tasten seiner alte Reiseschreibmaschine nehmen und sie in jemandes Gesicht vergraben. Aristide, Kind der Bombennächte von '44 und in den wilden 60ern in die Nacht geführt, ist ein Musterbeispiel für unkonventionelle Karrieren, wie sie nur in Berlin möglich sind. Gezeugt als Anarch, sind seine Lebenslinien seit mindestens 20 Jahren immer wieder mit Berlin verknüpft, bis er schließlich Anfang 2004 nicht nur unverhofft die Fronten wechselte, sondern auch noch Vogt des damaligen Fürsten Maximilian von Salm-Kyrburg wurde, ein Amt, dass er lange Zeit mit grimmiger Effizienz ausführte, bis Gerüchte über eine geistige Manipulation seiner Person zu einem regelrechten Clanszwist zwischen den Gelehrten und den Königen führte, eine der vielen Tropfen, der das Faß des Putsches zum Überlaufen brachte. Nachdem er als Vogt an der Seite des Noch-Fürsten von Salm Kyrburg an der Schlacht gegen Maxwell teilnahm, zog er aus Berlin mit dem Gangrel Ancilla WilliamAllisterThorne aufgrund seiner sich zusehends an die Bestie verlierenden Humanitas fort. Die beiden waren 11 Monate verschwunden, da kam Aristide zurück, ruhiger, ausgeglichener und ungleich kälter. In dem einst so freundlich-charmanten Kainiten schlummert seitdem eine Fremdartigkeit, die so manchen seiner alten Freunde von früher gehörig erschauern lässt, ja sogar seine alte Flamme BeateGueldenberg von ihm fort getrieben hat. Was ist nur dort draußen in Skandinaviens Wäldern geschehen? So lebte der ehemalige Vogt zurückgezogen in Berlin und erschien nur ab und zu zwischen Melancholie und Gereiztheit pendelnd auf Treffen der Kainiten. Das Auftauchen seiner lang vergessenen sterblichen Geschwister Medea und FabianSchwertfeger in vampirischer Gestalt brachte ihn scheinbar ein wenig ins Leben zurück, doch nach der ersten aufflammenden Emotion kehrte allzu bald wieder Ruhe ein. Dem Fürsten HansKohlhase dient Ari heute vor allem durch seine profunden Kontakte zu Polizei und Studentenszene und seine recht schlagkräftige Hilfe im Krisenfall, die nunmehr gänzlich ohne Skrupel eingesetzt wird, wenn es zum Konflikt kommt. Die letzten Monate haben deutlich gemacht, dass er, dem sein Berliner Herr mehr und mehr fremd geworden ist, sich dessen größten Konkurrenten im eigenen Clan, dem Bremer Fürsten Hagen, durch diplomatische Missionen auf überregionalem Parkett der Politik andient. Böse Zungen behaupten, sein bisheriger Werdegang gleiche so sehr dem seiner Erschafferin, dass auch er früher oder später erst Ancilla werden und dann zum Sabbat überlaufen werde. Zwischen Fronten zerrissen, hier zerren die Freunde LFLilienfein und ViktorAlburn, dort der Clan Brujah, dann noch die Verwandten, ist der Aristide, den Berlin nach vier Jahren übrig gelassen hat, das Abbild des ausgebrannten Idealisten... ein verbitterter, verschlagener Zyniker, dessen literarische Arbeit allein noch schwach reflektieren kann, welch warmer, lebendiger Geist dieser Hülle einmal inne wohnte.

text
Die lange Weihnacht

Ein weiterer wintertiefer Nachmittag. Die Standuhr schlägt gedämpft die Stunde. Ein Zucken fährt wie ein elektrischer Impuls durch die auf dem Ohrensessel zusammengesunkene Gestalt. Der Todesschlaf des Tages vergeht in einer Sekunde – bevor Aristide die eisblauen Augen aufschlägt, ist er schon wach.
Mit kalkulierter Müßigkeit nimmt er das aufgeschlagene Buch von seiner Brust und liest noch ein paar Zeilen weiter, wo ihm der Sonnenaufgang die Marionettenfäden des falschen Lebens durchschnitt und seine Lektüre unter Zwang beendete. Brecht. „…und er kann sich nicht erinnern und man kann nicht an ihn ran, Denn ein Haifisch ist kein Haifisch, wenn man’s nicht beweisen kann.“ Ari denkt an den Vergleich, als er die zerlesene Originalausgabe der ‚Dreigroschen Oper’ behutsam auf den Kaffeetisch legt und muss unwillkürlich lächeln. Mimik ist nur eine Pflichtübung in einer Welt, die Ausdruck umdeutet und Gefühl ausnutzt. Ein abgewetztes Lächeln ist ihm geblieben, der Wind hat die Freundlichkeit daraus ausgeschabt. Kaum Lippen, viel von den Zähnen, die Fältchen um die Augen bewegen sich nicht.
Langsam erhebt er sich, zwingt das Blut aus der Körpermitte wieder in die Muskeln und läuft zum Kühlschrank. Mit mehr als nur ein wenig Widerwillen gießt er etwas vom Inhalt einer der drei großen Thermosflaschen in ein Whiskeyglas und sieht den blinkenden Lichtern zu, während es in der Mikrowelle kreist. Der erste Schluck der Nacht, das erste Aufglimmen des Hungers nicht befriedigt, aber eingedämmt. Er wartet vergeblich auf den Hauch der Erregung des Trinkens, den er seit einer Weile braucht, um in Schwung zu kommen. Nichts. Was will man anderes erwarten? Tage altes Tierblut. Mit Gerinnungshemmern versehen. Kalt und dann erhitzt. Bah!
Seine schmalen, weißen Finger tasten nach dem silbernen Etui auf dem fleckigen Mahagonischreibtisch. Das Schloss schnappt auf, eine dünne Zigarillo wird entnommen, das Schloss klickt zu, das Etui auf den Tisch. Tapp, Tapp, zweimal den Tabak fest geklopft, die Zigarillo zwischen Zeige- und Mittelfinger gedreht, während sie zum Mund geführt wird. Eine Streichholzschachtel. Der Druck ist zu schwach, das Zündholz geht nicht an, ein zweites Mal, dann lodert die Flamme. Die Spitze wird angezündet und rot gepafft, das Streichholz gehalten, bis sein Lodern die Fingerkuppen erreicht, dann achtlos in den Aschenbecher geworfen. Die Streichholzschachtel kommt rechts neben das Etui. Die rechte Hand geht wieder hoch zur Zigarillo. Der erste, tiefe Zug, dann ein Absetzen. Das würzige Aroma des Tabaks überdeckt den schalen Kupfergeschmack des Blutes. Angekommen.
Jetzt entspannt sich das Lächeln, ist nicht mehr so aus Plastik, Glas und Stahl. Jetzt ist es fast echt. Für einen kurzen Moment hält Aristide inne und blickt auf das Arrangement auf dem Tisch herab. Verwirrung. Er weiß, dass er es immer so macht. Jedes einzelne Mal. Ohne Fehl. Ohne Abweichung. Ohne Nachdenken. Stille. Er schüttelt leicht den Kopf. Der Moment geht vorbei. Er steht auf und zieht den abgewetzten Mantel mit dem schwarz-weißen Fischgrätenmuster – Überbleibsel seiner Tage als Sterblicher (sie werden immer weniger, diese Dinge) – über seine Schultern. Draußen wartet die Nacht auf Schritte, die getan werden wollen.
Wie ein Heimkehrender setzt er zögerlich einen ersten Fuß auf den Boden. Er hätte mit dem Auto in die Stadt fahren können, aber so ist es besser. Nicht einfach nur, weil er es mittlerweile gewohnt ist, sondern auch, weil er das Gefühl hat, erst jeden Quadratzentimeter dieser Stadt jede Nacht wieder neu für sich entdecken zu müssen. Die Außenbezirke sind immer anders als der Kern, aber diese kleinbürgerliche Villensiedlung ist wie das Monument einer längst vergangenen Zivilisation von einem entfernten Stern. So wenig Berlin… und doch so sehr.
Das Winterdunkel ist lang und tief. Er setzt den anderen Fuß ein Stück vor, zieht den ersten nach und aus dem Zusammenspiel der beiden schält sich nach einigen schleppenden Metern ein reines Gehen heraus, zögerlich erst, dann ein Schlendern und schließlich, als das gerade abnehmende Auge des Vollmondes über die Wipfel der großen Bäume streicht und der Abend sich der Nacht hingibt, ein Laufen, zielstrebig, sicher und schnell.
Ein verarmtes Lächeln bleibt auf Aristides Lippen hängen, als er das Zentrum erreicht. Die Stadt umfängt ihn und kann ihn dennoch nicht verzehren. Obschon es nicht nötig ist, will er es erleben. Tief und gleichmäßig atmet er kristallklare Luft ein, öffnet seinen Mantel, breitet die Arme aus, bis sein ganzer Körper von dieser Nacht erfüllt ist. Nichts. Nicht viel, jedenfalls. Leer, ausgebrannt. Die Atemzüge sind gleichmäßig und tief – und unnötig. Mit ihm atmet das dumpfe Grollen in seinem Inneren. Immer präsent, naht es jetzt stärker, hat es die Lücke in der Verteidigung erkannt. Ein schneller, verstohlener Blick: Die Gasse ist leer. Die Füße finden festen Halt, stoßen sich, wie von selber ab, als wollten sie der Erde fern sein, trotzten aus Ärger über die Anmaßung den Fesseln der Schwerkraft und schon steht er auf dem Dachfirst.
Aristide spürt das nadelfeine Stechen des Windes in seinem Gesicht überdeutlich. Die Böen treiben Tränen in seine Augen und er riecht das Blut, das dabei austritt. Hier wo er ist, braucht er sich keine Sorgen um die Masquerade zu machen. Auf diesem Haus gibt es nur ihn und seine Gedanken. Er braucht die Ruhe und das Gefühl, hier über den Dächern Berlins, Abstand gewinnen zu können.
Sicher, er hat triumphiert. Wieder mal. Nicht ohne etwas dafür zu bezahlen, aber dennoch siegreich. Was bedeutet ihm dieser Erfolg, was brachte die gestrige Nacht? Nur mehr Vampire, die es galt, für ihre Arroganz und ihre Grausamkeit zu bestrafen. Ja, … bestrafen. Er kann sich noch so oft einreden, dass er die Dinge, die er tut, zum Schutz der Gesellschaft macht, dass es ihm seine Verantwortung als gebietet, sich um jeden einzelnen dieser nutzlosen Parasiten Sorgen zu machen, und wir doch wissen, dass davon seine Hände auch nicht reiner werden.
Bis vor ein paar Jahren hätte die Lebenslüge vielleicht sogar ein Körnchen Wahrheit enthalten. Aber seitdem das Töten begann, ist alles anders geworden. Es ist fast, als sei ihm etwas entglitten, etwas nicht fassbares, kostbares, mit jedem gepfählten Leib den er anzündete, mit jedem Kopf, den er von angstzitternden Schultern schlug. Der Schmerz in all ihren Augen war echt, das unvermeidliche Wissen um die vertane Chance. So sehr er seine Feinde, die Feinde all dessen, für das er steht und das er mit seinem Leben verteidigen würde, versucht zu hassen. Es gelingt ihm einfach nicht. Mit dem Glauben ist es fortgeflogen. Etwas sehr Essentielles, das ihn immer unbemerkt begleitete und das ihm jetzt schmerzlich fehlt, auch wenn er es vorher nie wahrnahm. Seine Unschuld mag er es nicht nennen. Es war basischer. Vielleicht der Lebenswille.
Aristide schaut wütend auf seine abgewetzten Stiefel und die geteerte Dachpappe darunter. Wieder ein Ort verseucht von den langsamen, den schleichenden Einflüsterungen seiner Inneren Bestie. Ob er diesem Ort oder sich selbst entkommen will, weiß er nicht, als er sich mit einem kraftvollen Sprung vom Dach abstößt und mühelos den Abgrund bis zum nächsten Dach überwindet. Immer wieder hat er Angst davor, wie leicht solche Dinge ihm fallen. An einer Fassade empor zu springen, eine gepanzerte Stahltür zu zerreißen, als wäre sie aus Papier – sein Blut gibt ihm die Macht dazu. Er hat es immer hingenommen, wenn seine Kräfte mit der Zeit wuchsen und ihn immer unmenschlichere Dinge tun ließen. Noch dazu er, überlegt Aristide, der Hänfling, der Streber ohne Muskeln der in der Schule immer widerstandslos verprügelt wurde. Aber es sind nicht nur die kainitischen Disziplinen, die ihm Sorgen bereiten. Seine Kraft ist nützlich. Aber die Wut Troiles, die als Erbe durch seine kalten Adern fließt, korrumpiert sie, pervertiert sie.
Wie deutlich noch erinnert er sich des Gesichtes des ersten Sterblichen, den er getötet hat? Eigentlich wollte er ihn nur zu Boden schlagen – tatsächlich platzte der Kopf wie eine reife Wassermelone und das lose Gesicht glitt vom zerborstenen Schädel hinunter. Das groteske Bild bleibt. Die Identität verschleiert sich in einer Vergangenheit von Taten, die so oft bereut wurden, dass er gegen sie abgestumpft ist,
Seine Wut – mittlerweile kann er sie beherrschen. Das Lied der Wälder hat den Heimkehrenden verändert. Als hätte ein unsichtbarer Schraubstock seine Schultern begradigt, hat sich sein Gang aufgerichtet. Wer durch den tiefsten Morast gekrochen ist, den der Wildnis und den seines Herzens, erst wer all seine Würde verloren hat, wenn der Stolz aus den abgebrochenen Fingerspitzen geblutet ist, mit denen man versucht hat, in der harten Eiserde ein Grab für den Tag auszuheben, der will nur gehen und schreitet schon. Die Leere weicht vor einem zurück, macht Platz, will nicht ergriffen werden.
Er ist wie feuchter Ton. So viele haben ihm ihr Siegel schon aufgedrückt, so dass von der Urform nur wenig geblieben ist. Druck. Der Staudamm versteht das Wasser nicht und muss darum brechen. Es ist eine Wahrheit – früher oder später passieren diese Dinge. Aristide wollte sich nur tragen lassen, dem Flusslauf folgen, aber dann stand er in der Strömung. Einmal, da hat es ihn gebrochen, hat ihn zerfetzt und mitgerissen und er schrie nächtelang. Der Laut zwang seine Kiefer auseinander und brüllte, ich will hinaus aus dir, nicht länger gefangen sein. Jetzt tun sich die Straßen mit all ihrer Flut vor ihm auf und er fürchtet sie nicht.
Doch immer noch lauert der eine entscheidende Moment der Kontrollosigkeit. Lass dich fallen, flüstert die Innere Bestie – und es ist ein so unglaublich süßes, verlockendes Angebot. Das Leben nur noch ein einziger Schleier wilder, unkontrollierter Emotion, ohne Verantwortung, ohne Zweifel, ohne… Liebe.
Knurrend schlägt Aristide gegen eine Antenne und beobachtet entsetzt, wie das dünne Metall reißt und die Spitze meterweit durch die Luft geschleudert wird. Seit das Töten begann, ist es soviel einfacher geworden. Es fühlt sich fast richtig an, ab und zu seiner Wut freien Lauf zu lassen.
Vor wem soll er sie auch verstecken? Jeder seiner Clansgeschwister weiß um die dunkle Seite, die in einem jeden Brujah schlummert. Seine wahre Familie sieht in ihm den Bruder und Freund und kann verzeihen. Und die anderen? Wer ist es schon wert, sich vor ihm zu verbergen? Es giebt niemanden. Diese ganze lächerliche, sinnentleerte Gesellschaft, die sich selbst vorspielt noch menschlich zu sein und deren Salonabende um so vieles emotional grausamer sind, als sich irgend ein Foltermeister jemals körperliche Pein erdenken könnte. Es widert ihn an, stößt ihn ab, vielleicht auch, weil er das Spiel notgedrungen selbst so gut beherrscht. Da spielt er den netten, den kompetenten, den etwas treudummen Idealisten. Weil er Brujah ist. Weil er jung ist. Mit Klischees kommen die Leute besser klar und lassen ihn trotz aller Rügen seine Arbeit machen.
Die Bürger der Camarilla wollen Stereotypien, wollen klare Rahmen für ihre Zerrbilder und Strukturen der Macht, denen sie lakaienhaft und anbiedernd zu Diensten sein können. Sie schmücken sich gern mit den Federn ihrer Älteren und nehmen es dafür in Kauf, sich zu willfährigen Marionetten machen zu lassen, die auch noch brav Danke dafür sagen, wie eine Hure gefickt zu werden, damit sie sich das dann nach ein paar Jahrhunderten auch gegenüber anderen rausnehmen können. Niemand tanzt hier aus der Reihe. Von Ewigkeit zu Ewigkeit meandert der Reigen der Toten. Und er ist Teil davon. Wer einmal tanzt, hört niemals auf.
Unwirsch springt Aristide wieder auf ein anderes Dach. Sein Blut kocht so heiß, dass er einfach nicht stillstehen kann. Wie viel einfacher war es, als er noch mit den Anarchen durch die Gegend zog, als Freiheit noch eine schöne Illusion war. Doch diese Freiheit war nur ein weiteres Gefängnis und Rast gibt es nicht für die Ruhelosen. Sich selbst entsagend, ist er auf der Suche nach den Zeilen seiner Bücher Jahrzehnte durch die Welt gewandert. Er hat mehr Freunde verloren, als er gefunden hat, hat geliebt und geweint und am Ende immer wieder nur Asche zwischen den Fingern gefunden. Dann kam Berlin und die Entscheidung, vor der auch seine Erzeugerin stand, als sie in diesen Moloch gesogen wurde. Er hat alles verraten, was er war, um das zu werden was er ist. Was die Familien brauchen… alle beide, auch wenn keine es zugibt. Er ist der geworden, der die Verantwortung trägt und tut was getan werden muss. Er fühlt sich nicht ungeliebt. Aber selbst unter vielen, ist er jetzt immer allein.
Aber er steht in einer tiefen Schuld an diese verfluchte Stadt Berlin und ihre Bewohner. Eine Schuld, welche die meisten Kainiten, so oft sie dieses Wort auch in einem gesellschaftlichen Kontext gebrauchen, niemals verstehen würden. Seine eine Familie hat großes Leid über diese Stadt gebracht, seine andere letztlich darunter gelitten. Es ist an ihm, dafür gerade zu stehen und sie zu verteidigen, die eine, wie die andere, gegen alles was kommen mag. Er zimmert sich selbst sein Kreuz. Ausgelutschter Postkartenerlöser für einen kleinen Kreis von Verdammten.
Es fällt ihm schwer. Diese Egel nähren sich vor den Menschen, ohne den geringsten Respekt vor dem Wert ihres Lebens zu zeigen und spreizen sich dann wie Pfaue voreinander, um sich stolz ihre nichtigen Errungenschaften zu präsentieren. Und er ist jetzt schon lange Teil dieses Systems, auf Gedeih und Verderb ein Rädchen im Uhrwerk der Camarilla. Er ist Hüter eines Systems, dass er verachtet. Aristide ist heute Nacht voller Verachtung… vor allem vor sich selbst. Aber er tut seinen Dienst. Vielleicht weil sonst alles noch viel schlimmer wäre. Vielleicht weil er einfach etwas tun muss.
Der Frieden ist so schrecklich tosend laut. Nach dem Töten ist es still. Dann schweigt seine Bestie. Dann schweigt sein Gewissen. Und dann? Dann kommt der nächste Wahnsinnige und der nächste Sabbatangriff und der nächste Traditionsbrecher und der nächste… Es wird nicht aufhören. Niemals.
Und diesmal ist es keine Wut, sondern Trauer, die Aristide wie ein waidwundes Tier aufbrüllen lässt. Trauer um die vielen Unschuldigen, die noch sterben werden. Trauer um seine Schwester und seinen Bruder, die er mit in die Verdammnis gerissen hat, die von Lämmern selbst zu Wölfen wurden. Trauer um seine Erzeugerin, die von dieser beschissenen Stadt aufgefressen wurde. Ist sie nur ein vergangener Spiegel seines zukünftigen Selbst? Trauer um den Menschen, der er einmal war. Kann man dem Schicksal entkommen?
Aristide sieht sein Ziel in der Nähe, jenseits der Spree, sieht die stolze Kuppel des Doms und springt vom Dach herunter, hinab in die Straßen Berlins, die ihn umarmen, um ihn weiter zu besudeln. Die Wahrheit ist, er braucht diese Stadt. Aber er ist auch immer noch Aristide. Noch… Wie lange noch? Wofür? Kann er in Jahrhunderten noch mitfühlend sein oder wenigstens Freude empfinden? Kann man sich selbst entkommen? Stellt man sich dann überhaupt noch Fragen? Der Wind pfeift vorbei an den schweren Pforten des Doms. Seine Fenster sind leere Augen.
Heute Abend wird er wieder töten müssen, noch ein Feind, noch ein Sieg oder endlich Vernichtung. Unbewegt steht er im Hauptgang zum Altar, den Blick auf die großen Augen des Jesusbildes im Hauptfenster gerichtet. Bei Tag scheint hier die Sonne hindurch und webt einen Strahlenkranz um den Heiland. Im Dunkel der Nacht ist das Glas stumpf und man sieht die Schmutzflecken. Das andere Bild wird er nie sehen können. Den Mut hat er trotz allem nicht. Leise bewegen sich seine Lippen.
Mein Gott, der Du im Himmelreich bist, das in uns ruht. Ich wünschte, Du würdest mir Deinen Namen verraten. Ich meine den richtigen. Ich wünschte, ich wüsste, was Du tust. Aber was auch immer es ist, bitte hilf mir, dies durchzustehen. Ich glaube nicht, dass Du all dies hier so geplant hast.
Ich habe genug des täglichen Brotes, also werde ich keine Zeit darauf verschwenden. Das Problem ist, es runterzukriegen, ohne dass es mir in der Kehle stecken bleibt. Kommen wir zur Vergebung. Mach Dir keinen Kopf, mir zu vergeben. Es gibt viel wichtigere Dinge - jene zu bewahren, die ich liebe, wenn es je so etwas wie Sicherheit geben kann. Lass sie nicht leiden. Wenn sie sterben müssen, lass es schnell geschehen. Gib Ihnen einen Himmel. Dafür brauchen wir Dich. Die Hölle schaffen wir uns selber. Versuchung kommt als nächstes. Versuchung ist alles, dass mehr als Schlafen oder Trinken ist. Wissen ist Versuchung. Ich will nicht mehr wissen, was vorgeht. Erlöse uns vom Bösen.
Dann sind da noch das Reich und die Macht und die Herrlichkeit. Ich kann kaum noch daran glauben, aber ich werde es versuchen. Du musst Dir betrogen vorkommen, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Wenn ich Du wäre, würde es mir reichen. Es widert mich an. Das ist wohl der Unterschied zwischen uns. Ich komme mir komisch vor, mit Dir zu reden. Ich wünschte, Du würdest antworten.
Warum mache ich einfach immer weiter? Ich bin in Ewigkeit. Und Du bist so weit fort. Nicht Deine Schuld. Frohe Weihnachten, Herr.
Vor der Tür schleift ein Auto am Bordstein entlang und kurz klingt es wie das Geräusch von Krallen. Er denkt an die bevorstehende Jagd. Das Geräusch gräbt Tunnel in seinen Berg, bis er lernt von innen an sich die Picke zu schwingen, dem Licht entgegen. Die Schönheit die er verteidigt ist nicht seine, wird es nie sein. Aber es gibt sie da draußen. Sie gibt Hoffnung, dass nicht alles hässlich sein kann. Für diese Hoffnung, muss er Hässliches tun, aber die Schönheit bleibt makellos. Sie können einem alles nehmen. Alles. Bis auf einen Zentimeter Freiheit.
Das Schloss schnappt auf, eine dünne Zigarillo wird entnommen, das Schloss klickt zu. Tapp, Tapp, zweimal den Tabak fest geklopft, die Zigarillo zwischen Zeige- und Mittelfinger gedreht, während sie zum Mund geführt wird. Das Etui gelangt wieder in die Manteltasche. Eine Streichholzschachtel. Der Druck ist zu schwach, das Zündholz geht nicht an, ein zweites Mal, dann lodert die Flamme. Die Spitze wird angezündet und rot gepafft, das Streichholz gehalten, bis sein Lodern die Fingerkuppen erreicht, dann achtlos auf den Geweg geworfen. Die Streichholzschachtel kommt in die andere Manteltasche. Die rechte Hand geht wieder hoch zur Zigarillo. Der erste, tiefe Zug, dann ein Absetzen.
Routine. Sicherheit. Es ist nichts Unstetes mehr in seinen Augen, nichts Gehetztes. Das Eismeer seiner Iris strahlt nur noch Ruhe aus und eine Sanftheit, die ihn fremd macht. Sanft, wie ein Wolf sanft ist – Harmonie, nicht Frieden. Es ist fast wieder Zeit zu töten. Neues Blut wäscht altes ab. Es muss nur immer weiter fließen. Mit ihm und in ihm atmet die Bestie im Einklang. Und schweigt.


Kategorien: Charakter, Brujah, Camarilla
There are no comments on this page.