Ausrasten

Ausrasten


Was bedeutet 'ausrasten'?


Unter 'ausrasten' verstehen wir bei GiO einen zeitweiligen Geisteszustand, bei dem der Charakter seine bewusste Kontrolle verliert und stur sein vorherrschendes Bedürfnis befriedigen will. Ob ein Charakter dabei sein Bewusstsein verliert und sich anschließend nicht mehr seiner Taten erinnern kann, ist weiterhin Gegenstand von Diskussionen.

Von dem Standpunkt her, dass es das Spiel mit Moral und Menschlichkeit interessanter gestaltet, kann man dafür plädieren, dass der Charakter bewusst mitbekommt, was er gerade anrichtet. White Wolf selber lässt ja die Möglichkeit zu, einen ausrastenden Vampir durch beruhigendes Zureden aus diesem Ausnahmezustand herauszuholen, was ja dafür spricht, dass das Bewusstsein nicht komplett ausgeschaltet ist. Ebenso kann ein Akt der Willensanstrengung einen Charakter dazu bringen, das triebhafte Bedürfnis niederzukämpfen, wofür ebenfalls ein Rest Bewusstsein notwendig scheint.

Was bedeutet es 'auszurasten'?


Wie oben erwähnt, bedeutet auszurasten, dass der Charakter seine Kontrolle über sich verliert und dem Bedürfnis nachgibt, das aktuell vorherrscht. Umgekehrt bedeutet es, dass ein Bedürfnis in diesem Augenblick so groß geworden ist, dass der Wunsch nach seiner Befriedigung die Kontrolle übernimmt.

Der Charakter legt dabei alle zivilisatorischen Schichten ab und handelt komplett atavistisch, urtümlich.

Wie ein Ausraster konkret abläuft, welchem Zweck er dient, hängt davon ab, welcher Instinkt das Ruder übernimmt.

Instinkte des Vampirs


Vampire sind Raubtiere. Im Gegensatz zum Menschen sind es Einzelgänger, keine Rottentiere. Das schlägt sich auch in ihren Instinkten nieder. Vampire haben im Gegensatz zu Menschen oder generell Lebewesen keinerlei Drang, sich zu vermehren -- dass sie es dennoch tun, ist eher Überbleibsel ihrer menschlichen Abstammung oder kaltes Kalkül.

Rivalität


Vampire verspüren ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung ihrerselbst als auch ihres Eigentums. In den Traditionen der Gastfreundschaft und der Domäne findet das seinen Widerhall. Wenn ein Vampir davor steht, gesellschaftlich oder moralisch den Kürzeren zu ziehen, bricht die instinktive Rivalität durch, dem anderen keinen Erfolg zu gönnen.

Dies äußert sich in einem Anfall von Jähzorn, einem cholerischen Ausbruch, eine blindwütige Raserei, die den tatsächlichen oder vermeintlichen Verursacher der empfundenen Demütigung zum Ziel hat. Und alle tatsächlichen und vermeintlichen Unterstützer.

Nahrung


Blut bedeutet für Vampire Leben. Wenn ein Vampir in einen Zustand gerät, wo sein Blutvorrat nahezu erschöpft ist, dann verfällt er in einen Blutrausch, in dem er nur noch seinen Durst stillen will. Als Richtwert kann man sagen, dass das geschieht, wenn der Charakter nur noch 4 oder 5 Blutpunkte über seinen Gesundheitsstufen hat.

Der Charakter fällt dann das erste Opfer an, das ihm in die Augen fällt, und trinkt, bis sein Durst gestillt ist und darüber hinaus. Wie bei jedwedem Ausraster pumpt ein Vampir so viel Blut wie möglich in seine körperlichen Attribute, auch während eines Blutrauschs und obwohl das die Blut-Situation verschärft.

Überleben


Als hypothetisch unsterbliches Lebewesen hat ein Vampir natürlich im Falle seiner Vernichtung auch viel zu verlieren, weswegen der Überlebensinstinkt ebenfalls sehr stark ausgeprägt ist. Der Überlebensinstinkt mündet in eine Panik oder, für den Fall das Feuer oder Sonnenlicht involviert sind, in Rötschreck. Der Name leitet sich aus dem Schrecken her, den die Morgenröte bei Vampiren verursacht.

Wie bereits erwähnt, lösen Feuer und Sonnenlicht eine Panik aus. Aber auch ein kritischer Gesundheitszustand kann eine solche Panik verursachen, wie es bspw. im Verlauf eines Kampfes geschehen kann. Im Kampf können sogar alle drei Ausraster parallel auftreten: Flucht, weil man zu schwer verletzt ist und die eigene Vernichtung bevorsteht, Durst, weil der eigene Blutvorrat nahezu erschöpft ist, sowie Raserei, weil man durch die Niederlage im eigenen Ego stark verletzt wurde.

Bei einer Panik schaltet der Vampir komplett auf Flucht um. Alle Hindernisse werden, soweit es geht, zerlegt. Der Charakter ist nur noch auf der Suche nach einem sicheren Rückzugsort.

Auslöser eines Ausrasters


Ohne zu konkret auf die Auslöser eines Ausrasters einzugehen, sollen hier ein paar Eckpunkte skizziert werden. Die genaue Ausarbeitung hat jeder Spieler selber zu leisten, seine Spielleitung hilft ihm sicherlich dabei.

Neben dem verbreiteten System der sogenannten Bestienmale, die einzelne Auslöser ziemlich eng definieren, gibt es auch noch ein etwas freieres System, dass allerdings mehr Reflektion und Souveränität im Umgang mit dem dargestellten Charakter erfordert. Wichtig dabei ist, dass man sich im klaren ist, was denn dem Charakter etwas bedeutet. Sind Blutrausch und Panik noch halbwegs an absoluten Charakterwerten festzumachen, so muss bei der Raserei einem klar sein, womit der eigene Charakter verletzt oder gedemütigt werden kann. Als Faustregel gilt: Ein Vampir kann nicht zu empfindlich sein.

Ein Vampir wurde nicht erschaffen, weil er ein so netter Kerl ist, sondern weil er über ein ausgeprägtes Ego verfügte, dass der Erschaffer auf ihn aufmerksam wurde. Gefolgsleute ghult man, man erschafft sie nicht. Ein ausgeprägtes Ego hingegen verfügt über Ecken und Kanten, über Ansprüche, die er selbst zu erfüllen gedenkt und --wichtiger sogar-- die andere ihm gegenüber zu erfüllen haben. Man kann das generell runterbrechen auf Respekt, den man einfordert. Respekt allerdings, der so pervertiert sein kann, dass andere ihn nicht unbedingt greifen oder gar nachvollziehen können. So kann ein Vampir Respekt darin sehen, dass andere vor ihm zu buckeln haben, ein anderer Vampir wiederum verlangt als Respektsbezeugung, dass sich ihm nur solche nähern sollen, die er akzeptieren kann -- Unterwürfigkeit würde sie unter ihn stellen, womit sie eigentlich vernichtet gehören.

Respekt geht noch weiter. So kann Respekt vor der Zuflucht eingefordert werden, vor der Domäne oder dem Lehen, vor der eigenen Einladung oder auch einfach vor dem, was der Vampir gesagt hat. Aber auch weniger greifbares, wie persönliche moralische Vorstellungen oder Glaubensüberzeugungen können Respekt verlangen. Ein Mangel an Respekt solchen Punkten gegenüber kann einen Ausbruch provozieren.

Ausspielen eines Ausrasters


Bei der Beschreibung der Instinkte wurde bereits darauf eingegangen. Der Einfachheit halber hier eine vollständige Wiederholung inklusive Ergänzungen: Allen drei Ausrastertypen ist eigen, dass allein die Verwendung körperlicher Kräfte noch möglich ist: Geschwindigkeit, Stärke und Seelenstärke. Außerdem wird soweit wie möglich alles Blut in die körperlichen Attribute Körperkraft, Widerstand und Geschick gepumpt, um der körperlichen Herausforderung gewachsen zu sein. Im Gegenzug ist der Vampir netterweise immun gegen alle geistigen Kräfte wie Beherrschung oder Präsenz. Ob Verdunkelung auf einen ausgerasteten Vampir wirkt, ist noch nicht abschließend geklärt -- als geistige Disziplin sollte sie es eigentlich nicht.

Widerstehen


Einem Ausraster zu widerstehen, kostet einen Charakter Willenskraft. Wertvolle Willenskraft, die man sich nicht wieder antrinken kann wie Blut. White Wolf sieht vor, dass ein Charakter Willenskraft dadurch wiedererlangen kann, dass er seinem Wesen entsprechend handelt.

Bei der Charaktererschaffung sollte man also ein Wesen wählen, das man darzustellen in der Lage ist und auch dem Charakter, seinem Clan und dem Erschaffer entspricht. Ein Autokrat wird eher seltener einen Barbaren erwählen.

Willenskraft aufgewandt zu haben, äußert sich also in einem verstärkten Bedürfnis, ganz man selbst zu sein. Ein Casanova wird also, nachdem er einem Ausraster widerstanden hat, Erholung darin suchen, jemanden zu verführen, ein Büßer wird sich selbst anklagen, ein Abweichler wird Sachen anders machen als andere, z.B. direkt aus der Flasche trinken, aus der andere sich eingegossen haben.
 

Kategorien: Spieltipps
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