BuchDerGangrel

Das Buch der Wanderer: Die Familie Gangrel


Frei. Das ist wohl eines der wenigen Worte, die sich auf alle Gangrel, egal ob Camarilla, Sabbat, Anarchen oder "freie Gangrel", verwenden lassen. Ein Gangrel mag sich dazu entscheiden, für den Rest seiner Existenz als beschützender Schatten hinter einem Fürsten zu stehen. Vielleicht entscheidet er sich auch dafür, die Zivilisation hinter sich zu lassen und Rucksacktouristen zu Tode zu hetzen. Andere gehören dem Sabbat oder der Camarilla an oder haben sich von allem losgesagt und nennen sich "freie Gangrel", aber allen ist eines gemeinsam: sie haben sich aus freien Stücken dazu entschieden. Läßt man die Folter des Blutsbandes außen vor, so ist es unmöglich, einen Gangrel zu etwas zu bewegen, was er in diesem Augenblick nicht tun möchte. Viel eher, als daß er sich dem Willen anderer beugt, wird der Gangrel sich einfach abwenden und gehen - aus dem Haus, aus der Domäne, aus der Welt. Gut möglich, daß er in hundert Jahren zurückkommt, um Rache zu nehmen, aber genauso gut könnte er die Demütigung schon nach wenigen Schritten vergessen haben.

Nichts bindet einen Gangrel, außer seinem eigenen freien Willen.


So war es und so wird es erzählt mein Kind.

Einst war Schweigen.

Dann war eine Zeit, als alles Land und alles Wasser,
was Du um Dich siehst,
geboren wurde.

Und später, als ich geboren wurde, da waren die Menschen fast den Tieren gleich,
und wir, die Götter des Himmels und der Erde, die Götter des Blutes,
wandelten auf dem Antlitz der Erde.

Wenige waren wir, frei und wild,
und die Menschen gingen zwischen uns
und sie waren uns untertan.

So will ich Dir berichten, wie Gangradr geboren wurde,
der Bjollwerkr, Odin, der Wanderer, der Rabensänger,
der mit Wölfen heult und nur vom roten Blutweine trinken kann.

Noch bevor ein Mensch seinen Fuß auf die Erde setzte
lebten die alten Götter im Frieden des Himmels. Dies waren die ewigen Alten,
die es vor der Zeit gab und die es nach der Zeit geben wird.

Sie genossen den Reichtum des Himmels
und sie waren schlaftrunken und sahen nicht
wie einer von ihnen sich abwandte vom Genuß und der Trunkenheit des Schlafes.

Und dieser Eine hieß Fenrir. Und er schuf sich eine Armee von schrecklichen Kreaturen,
denn er wollte den Himmel für sich allein.
Er schuf sich Bestien nach seinem Antlitz, die zum Vollmond tanzten.

Und mit diesen unbesiegbaren Bestien stürmte er
die Gewölbe des Himmels.
Und groß waren die Ströme von Blut die sich auf das Antlitz der Erde ergossen.

Und jetzt erst erwachten die Götter aus ihrem trunkenen Schlaf,
und sie schnellten über das Antlitz des Himmels,
und sie kämpften mit dem Fenrir und den Mondwölfen.

Und die Götter töteten und wurden getötet.
Und schließlich besiegten sie die Vollmondwölfe.
Und Fenrir wurde auf ewig mitten unter die Seinen verband.

Doch wohin das Blut der Götter troff,
dort entstanden die Menschen.

Doch wohin die Tränen der Götter fielen,
dort entstanden die heiligen Quellen.

Doch dort wo sich das Blut der Götter mit dem Blute Fenrirs mischte,
und mit dem seiner Kreaturen,
und dort wo die Tränen der Götter fielen und dieses Blut durchtränkten,
und dort wo das durchtränkte Blut dann in die Erde sickerte,
und dort wo der Mond auf diese Bluterde schien,
dort entstand Gangradr.

Und er war eins mit den Tieren
und eins mit den Göttern,
und die Menschen waren ihm Untertan.

Doch Gangradr war es vergönnt,
mit den Wölfen zu heulen und den Raben zu krächzen,
und es war ihm vergönnt im Winde zu fliegen und in der Erde zu ruhen.

So wie das Blut vom Himmel fiel,
und in die Erde drang, genährt vom heiligen Wasser,
durchdrungen von der Kraft der alten Götter und dem Licht des Mondes.

So war es Gangradr beschieden der Mächtigste unter den Kriegern zu sein,
ein lebender Gott,
und göttliche Lebendigkeit.

Und die Menschen wollten mit ihm sprechen,
doch sie sahen ihn nur unter dem Licht des Mondes.

Und die Menschen wollten ihn bezwingen, wollten seine Untertanen nicht sein.
Doch er zeriss sie.

Und die Menschen beugten sich vor ihm und erkannten ihn als ihren Herren.
Und er schützte seine Untertanen vor Fenrir und den seinen.

Und die Menschen brachten ihm Opfer dar, Speis und Trank.
Doch zähmte Gangradr zwei Wölfe, Geri und Freki, die die Speisen fraßen
Und den Trank soffen.

Denn wie das Blut, aus dem Gangradr geschaffen,
so konnte er nur vom Blute sich ernähren,
vom roten Blutweine der Menschen.

Und mit der Zeit war Gangradr es müde
allein zu sein auf dieser Welt.
Und er schuf sich Kinder.

Doch hierfür holte er
die besten Krieger der Menschen vom Schlachtfelde
und gab ihnen das ewige Leben.

Und er versammelte sie um sich.
Und ein jeder Krieger träumte davon
in dieser Runde zu kämpfen.

Und so hatte das Zeitalter der Kinder Gangradrs,
das Zeitalter der Gangrel, der Blutsöhne der alten Götter, begonnen.

Und so durchstreifen wir die Welt noch heute, bis zu dem Tage, an dem Gangradr uns in die Schlacht führen wird wider die Feinde unserer Welt.

Und du und ich mein Lieber sind die Abkömmlinge eines wahren Gottes. In uns erfüllt sich das Schicksal
der Welt. Vergiss dies nie, wenn du in die Welt der Steine zurückkehrst.


So erzählte ein Alter im Hohen Norden.


Vor vielen, vielen Jahren, als noch keine Menschen auf der Welt lebten und die Sterne noch nicht so weit entfernt waren, beherrschte der Nordwind die Steppen und die Tundra und war es zufrieden. Aber die Zeit verging und der Nordwind war allein, und der Schnee tanzte nur für ihn. Da machte sich der Nordwind auf die Suche nach Gefährten, die ihn auf seiner ewigen Reise begleiten sollten.

Der Nordwind begann, die Felsbrocken der Tundra zu formen, bis sie Risse und Löcher bekamen und für ihn sangen. Aber die Felsbrocken folgten ihm nicht, sondern warteten still auf seine Rückkehr, wenn er vorübergegangen war.

Der Nordwind umwehte die hohen Bäume der Taiga und ließ ihre Säfte gefrieren, doch auch die Bäume folgten ihm nicht, sondern warteten, bis er wiederkam, und vergingen im Lauf der Zeit.

Der Nordwind versuchte sogar, das Wasser der tiefen Flüsse mit sich zu nehmen, doch in seinen kalten Armen wurde jeder Tropfen zu Eis und fiel zu Boden und blieb dort, bis der Nordwind wieder fort war.

Nachdem all seine Mühen umsonst waren, geriet der Nordwind in Wut, und in seinem Zorn riß er Bäume aus, ließ Felsen zerbersten und Flüsse für immer gefrieren. Durch sein Toben erwachte die Erde und öffnete ihren Leib dem Nordwind, der tiefer in sie hineinfuhr als jemals zuvor. Und die Erde gebar dem Nordwind fünf schwarze Wölfe mit steinernen Klauen und eisblauen Augen, die so schnell waren wie der Nordwind selbst. Diese Wölfe begleiteten von nun an den Nordwind auf seinen Reisen, und ihre Anführerin war Geschya die Furchtlose.

Geschya war es, die zum ersten Mal die Menschen bemerkte, die das Reich des Nordwinds belebten; und sie war es, die den Nordwind lehrte, in die Jurten der Menschen einzudringen und an seine Macht zu erinnern. Da begannen die Menschen, Feuer gegen den Nordwind zu entfachen und Öl in Lampen zu füllen, und bald fürchteten sie ihn nicht mehr. Außer sich vor Wut schickte der Nordwind seine Kinder, die fünf schwarzen Wölfe, gegen die Menschen, um sie zu töten und in Angst und Schrecken in die Wälder zu treiben, wo er sie zu Tode frieren ließ. Die Wölfe hatten ihre Freude daran, die schwachen Menschen zu jagen, doch nur Geschya kam auf den Gedanken, das Blut und Fleisch der Menschen zu fressen und sich von ihnen zu ernähren.

Und das Blut der Menschen gab Geschya Macht, denn es lehrte sie, die Gestalt eines Menschen anzunehmen, in welcher sie oft die Lager der Menschen besuchte. Doch auch in Gestalt eines Menschen mußte sich Geschya von Blut ernähren, und jedesmal vor Sonnenaufgang tötete sie ihre Gastgeber und fraß ihr Fleisch.

Das heiße Blut veränderte Geschyas Wesen, das einst das des Nordwinds gewesen war. Sie verließ immer öfter ihren Vater und ihre vier Brüder und beobachtete aus sicheren Verstecken das Treiben der Menschen. Der Nordwind und die vier schwarzen Wölfe konnten sie nicht verstehen, aber sie duldeten ihr Tun und setzten schließlich ihre ewige Reise fort, während Geschya bei den Menschen blieb. In diesem ersten einsamen Sommer, in dem kein Nordwind ihr Trost spenden konnte, paarte sich Geschya in Menschengestalt mit dem Anführer der Menschen und trank danach als Wölfin sein Blut.

Sie wurde schwanger von dem Menschen, und als die Zeit der Niederkunft gekommen war, verbarg sie sich tief im Leib ihrer Mutter, der Erde, um dort ihre Tochter Gangara zu gebären. Gangara, die Erste, wurde in der Gestalt einer schwarzen Wölfin mit eisblauen Augen und steinernen Klauen geboren, doch sie konnte vom ersten Moment an die Gestalt eines weiblichen Menschen annehmen, wenn sie nur wollte. Niemals nahm sie etwas anderes zu sich als menschliches Blut. Der Nordwind, ihr Großvater, schenkte ihr die Gestalt einer weißen Eule, damit Gangara ihn auf seinen Reisen begleiten konnte. Doch weil sie die Sonne nicht leiden mochte, gewährte ihr ihre Großmutter, die Erde, das Geschenk der Heimkehr, so daß Gangara jederzeit in den Schoß der Erde zurückkehren und dort Schutz und Ruhe finden konnte.

Gangara paarte sich im Lauf ihres ewigen Lebens mit unzähligen Wölfen und Menschen, doch nur jene, mit denen sie das Geheimnis des menschlichen Blutes teilte, wurden wie sie und durchstreiften unter dem Nordwind die Welt. Noch heute werden Menschen, die in Gangaras Familie geboren werden sollen, ihrem Urteil unterstellt, und nur wenn sie selbst die Welpen für würdig erachtet, werden sie in das Rudel aufgenommen.
erzählt von Klavdija Vucevska
 

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