DynamikenCamarilla

Die Dynamiken der Gesellschaft der Camarilla


Einführung


Mit diesem kurzen Traktat soll versucht werden, perspektivisch darzustellen, wie sich die Gesellschaft der Camarilla in ihrer weltanschaulichen Auslegung und deren praktischen Konsequenzen für den Durchschnitts-Vampir präsentiert. Dies soll nicht als Versuch verstanden werden, dem einzelnen Spieler eine bestimmte Sichtweise für sein Spiel aufzudrücken, sondern vielmehr eine Möglichkeit bieten, eine Basis zu finden, auf der gewisse gesellschaftliche Normen geschaffen werden können, die ja den Rahmen für das nächtliche Unleben bilden.

Innerhalb der Chronik zeichnen sich viele Domänen durch einen zueinander radikal unterschiedlichen Spielstil aus. Anstatt das Rad noch einmal neu zu erfinden, ist dies eine Auswertung durch Usus etablierter Normen, welche die Anwendung des sehr amerikanisch geprägten Systems des ursprünglichen Vampire The Masquerade Spiels auf europäische Maßstäbe betreffen.

Wir hoffen, diese kleine Übersicht ist gerade für neue Spieler dabei hilfreich, sich in die Gebräuche und Missbräuche der Gesellschaft der Camarilla einzufinden. Gebräuche und Normen des gesellschaftlichen Umgangs sind keine starren Gesetze. Sie sind immer wieder radikalen Veränderungen unterworfen; und sie auf die richtige Art und Weise zum angemessenen Zeitpunkt zu brechen kann genauso effektiv sein, wie sich an sie zu halten. Schließlich sind es Personen die von der Etikette Gebrauch machen, nicht umgekehrt.

Das Selbstverständnis und die Ansichten der Camarilla


Seit ihrer Gründung im fünfzehnten Jahrhundert, erhebt die Camarilla den Alleinvertretungsanspruch für die gesamte Spezies der Vampire. Dies steht natürlich in einem deutlichen Gegensatz zu der Tatsache, dass zur Zeit nur sechs von insgesamt dreizehn Clans überhaupt in diesem selbsterklärten Führungsgremium vertreten sind. Dennoch ist der Führungsgedanke kein bloßes Luftschloss. Durch ihre rigorose Verteidigung der Maskerade, ihre exzellenten Kontakte zur sterblichen Gesellschaft und ihre strenge soziale Hackordnung, hat die Camarilla, als Netzwerk durch rudimentär gemeinsame Ziele verbundener Mitglieder der einflussreichsten Blutfamilien, tatsächlich einen praktisch unbrechbaren, unsichtbaren Würgegriff um die großen, urbanen Domänen Europas und Amerikas gelegt.

Der typische Blutsverwandte ist durch jahrelange Propaganda der perfektesten Institution für Missinformation geprägt, welche die Welt je gesehen hat. Die folgende Liste von Themen ist zweifelsohne nicht vollständig, gibt aber einen recht guten Schnitt des Camarillanischen Meinungsbildes.

Herkunft der Blutsverwandten


Es ist unbekannt woher die vampirische Spezies wirklich stammt. Wir wissen, dass die heutigen Clans wahrscheinlich von großen Anführern der ursprünglichen Stämme in der Periode der prähistorischen Menschheitsgeschichte stammen. Geschichten, der biblische Kain sei der Vater der Vampire, oder, dass er Monster geschaffen habe, die sogenannten Vorsintflutlichen, die am Tage des jüngsten Gerichts auferstehen sollen, um ihre Kinder zu fressen, sind lächerliche Versatzstücke von Propaganda des Sabbat, die jüngere beeinflussen sollen, sich von der Weltordnung der Camarilla abzuwenden. Letztlich ist unsere Herkunft völlig unerheblich für die Problematiken unserer heutigen Existenz.

Das Verhältnis zu Sterblichen


Die Menschen sind unsere Nahrung. Wie eine Herde treuer Schafe müssen sie behütet und beschützt werden. Wir waren auch einst Menschen und orientieren uns zu großen Teilen immer noch an ihren Wertvorstellungen und Lebensgewohnheiten. Bedingt durch unsere Verwandlung, sind wir Ihnen jedoch eindeutig überlegen. Es obliegt uns, sie zu ihrem eigenen besten zu manipulieren und von Zeit zu Zeit dafür unseren Tribut in Blut zu fordern. Zeigt sich jedoch ein Vampir als Wolf, der respektlos und unachtsam die Herde reißt, so wird dieses Individuum entfernt werden.

Der Sabbat


Die Schwarze Hand ist eine Ansammlung degenerierter Kreaturen, die den Namen Blutsverwandter nicht verdienen. Absichtlich geben sie in widerwärtigen Riten ihre Menschlichkeit auf, um so in blindwütigem Rasen gegen die Bollwerke der Zivilisation zu kämpfen. Leider existiert das fälschliche Gerücht, der Sabbat könne Blutseide brechen, das willfährige Junge in die Klauen dieser sektiererischen Seelenfänger treibt. Der Sabbat gefährdet die Maskerade und vernichtet blindwütig Unsterbliche. Einen Sabbatianer zu vernichten ist nichts anderes, als einen tollwütigen Hund von seinem Elend zu erlösen.

Die freien Clans


Eine Anzahl der Blutsverwandten haben sich entschlossen, aus weltanschaulichen oder abstammungsbedingten Gründen nicht an der großen Gemeinschaft der Camarilla teilhaben zu wollen. Wir verstehen ihre sonderbaren Wege nicht, haben aber gelernt sie als Geschäftspartner zu achten. Sollten sie sich je entscheiden, doch noch zu uns zu stoßen, so wird die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten gewissenhaft geprüft werden.

Die Anarchen


Diese fehlgeleiteten Welpen drücken ihre Frustration über ein mangelndes soziales Fortkommen in roher Gewalt oder wilder Agitation aus. Eine freie Meinung bezüglich der Politik des Systems sei jedem erlaubt. Allzu oft brechen diese radikalen Elemente bei ihren Aktivitäten jedoch die Traditionen. Wer sich reumütig zeigt, wird jederzeit eine zweite Chance erhalten, sich innerhalb der Gesellschaft zu bewähren. Wer auf der Dauer der Gesellschaft schaden, der muss als schadhaftes Element leider entfernt werden.

Andere übernatürliche Wesenheiten oder Phänomene


Ihre Existenz ist mehr als zweifelhaft. Zumeist ist das scheinbare Aufeinandertreffen mit einer mystischen Wesenheit nur in der Wahrnehmung des einzelnen existent, geprägt durch das zu gering ausgebildete Verständnis für die Kräfte älterer Blutsverwandter.

Das Blutsband


Der Blutseid ist eine edukative Maßnahme gegenüber dauerhaft renitenten Blutsverwandten, die durch ihr Handeln der Gesellschaft schaden. Trinkt man drei mal das Blut eines anderen Vampirs, so ist man diesem in künstlich geschaffener Liebe verfallen. Nur die Alten unserer Art sollten diese Fessel gebrauchen, da allein sie über die Weisheit verfügen, mit dieser Macht richtig umzugehen. Dies sollte auch allen Vampiren eine Warnung sein, die den abartigen Brauch praktizieren, frei voneinander Blut zu trinken, allein um sexueller Ekstase zu frönen. Der Preis für ein paar Nächte der Lust ist hoch und währt eine Ewigkeit.

Der Amaranth


Die Diablerie ist das schlimmste aller Verbrechen. Nicht nur wird ein Unsterblicher dabei dem endgültigen Tod anheim geführt, nein, auch seine Seele, seine Individualität vergeht unter höllischen Schmerzen in der Gier des Täters. Bedauerlicherweise existieren Gerüchte, man können durch das Trinken der Seele eines anderen Vampirs mächtiger an Kräften und dicker im Blut werden. Viele Junge verfallen in diesen Nächten dieser eklatanten Lüge und geben sich dem Rausch des Mordes hin. Sie sollten aber gewarnt sein. Das einzige, was auf dem Pfad der Diablerie wartet, ist der schleichende Wahnsinn.

Anwendung von Intrige und Gewalt


Das Fortkommen des Qualifiziertesten ist ein wichtiger Grundsatz unserer Gesellschaft. Wer sich als nützlich erweist, seine Feinde abzuwehren zu versteht und bei all dem in Einklang mit den Regeln unserer Gesellschaft lebt, der hat es verdient, in Amt und Würden zu kommen und die Privilegien zu genießen, die sich daraus ergeben. Wer einmal zu dem kruden Mittel der Gewalt greifen muss, der sollte sich bewusst sein, dass er zwar kurzfristig Erfolg haben mag, aber über kurz oder lang die Ächtung der Gesellschaft erfahren wird. Wer nicht lernt, wohl dosiert mit seinen Mitteln zu haushalten, der wird über kurz oder lang die Traditionen brechen, vielleicht gar einen Blutsverwandten zu vernichten. Uns stehen ungleich subtilere Instrumente zur Verfügung, ein Stümper ist unseres Blutes nicht wert.

Das Elysium


Das Elysium ist heilig. In jeder Domäne gibt es mindestens einen solchen Ort des unantastbaren Friedens, der vom Fürsten ausgerufen wurde, damit sich auch verfeindete Fraktionen unserer Gesellschaft auf neutralem Boden der Debatte ergeben können und Blutsverwandte, die nur nach einem Ort der Ruhe und der Kultur suchen, einige Momente des wahren Friedens in diesen gesegneten Hallen erfahren können. Das Elysium ist so alt wie die vampirische Gesellschaft selbst. Auch wenn der Fürst es unter Umständen aufheben kann, so ist es unverletzlich. Wer den Frieden des Elysiums bricht, hat sein Leben im selben Augenblick verwirkt.

Die Struktur der Camarilla


Die Camarilla ist eine sozial darwinistische, autonomieorientierte, genealogisch-oligarchisch gesteuerte Geriatrokratie und Meritokratie.
Das heißt im Klartext: Die Ahnen kontrollieren mittels der Ancillae die Neonaten.

Dieses System beruht jedoch nicht auf der Ausübung offener Machtdemonstrationen. Vielmehr läuft der Motor der Gesellschaft auf folgendem komplexen Wechselspiel sozialer Abhängigkeiten.

Die durch Alter und Macht in eine Führungsposition versetzten Ahnen der einzelnen Clans benötigen die jungen Blutsverwandten, um die menschliche Gesellschaft hinsichtlich ihrer Interessen zu beeinflussen und andere Blutsfamilien im Kampf um die Vorherrschaft ins Hintertreffen zu bringen. Sie üben also beratend ihren Einfluss auf die, ihnen durch das System der Gefallen verpflichteten, Ancillae aus, die primär für die Verwaltung und Steuerung der alltäglichen Geschäfte in der Welt der Vampire zuständig sind. Diese nutzen nun Neonaten aus dem Kreis der Gesellschaft um sich herum, die sich ihnen, auf der Suche nach jemandem, der sie bei ihrem eigenen gesellschaftlichen Fortkommen protegiert, anbiedern, zur Durchsetzung dieser Ziele.

Jedem Teilnehmer dieses Systems ist es möglich, seine Existenz so zu gestalten, wie es ihm beliebt, solange dieses nicht mit den Interessen eines durch das Alter sozial höhergestellten Vampirs kollidiert. Da dies über kurz oder lang aber immer geschieht, muss man sich ein Netzwerk von Gefolgsleuten, Verbündeten und Mentoren schaffen, deren Qualitäten man nutzen kann, um den Gegner von seiner gesellschaftlichen Stellung zu verdrängen und diese selber einzunehmen. Dabei ändert sich am Status per se, der sich über das Alter definiert, kurzfristig nie etwas. Das Ansehen der Person jedoch, Coiture genannt, ist ganz entscheidend für die realen gesellschaftlichen Kompetenzen und Mittel des Einzelnen Blutsverwandten. Ein Ancilla, der in der Öffentlichkeit bloßgestellt wurde und so seiner potentiellen Verbündeten verlustig ging, ist, trotz stärker ausgeprägter Kräfte, ein eindeutig geringerer Machtfaktor, als ein angesehener Neonate, der bei den richtigen Ahnen beliebt ist.

Dieses gesellschaftliche Wirrspiel hat weder klare Gesetze noch Grenzen. Dennoch geben die Existenz von Schiedsrichtern und einer Währung wichtige Anhaltspunkte für jeden experimentierfreudigen Intriganten.

Bei der Währung handelt es sich um das System der Gefallen. Kein Blutsverwandter handelt je wahrhaft altruistisch motiviert. Bietet ein Vampir dem anderen seine Hilfe an, so kann er dafür im Gegenzug das Ausüben einer von der Gewichtigkeit gleichwertigen Handlung erwarten. Er selbst darf allerdings bestimmen, wann und unter welchen Umständen er diese einfordert und so lange die Schuld noch nicht abgezahlt ist, wird der Schuldner als dem Gönner sozial untergeordnet betrachtet. Wer einen im Status Höhergestellten so durch eine unverzichtbare Dienstleistung in seine Gewalt bringt, spielt ein gefährliches, aber höchst profitables Spiel. Einen Gefallen allein zu besitzen, kann oft schon Belohnung genug für die eigene Anstrengung sein. Der wahrhaftige Clou liegt jedoch darin, durch den Austausch von Gefallen, seine Finger in vormals unerreichbare Sektoren auszustrecken, ohne sichtbar an ihrer Manipulation beteiligt zu sein. In der Gesellschaft der Camarilla, kocht jeder immer sein eigenes Süppchen, so dass binnen kürzester Zeit ein fast gänzlich unüberschaubares Geflecht an Lügen und Intrigen entsteht. Echte Freundschaft und echtes Vertrauen sind wertvolle Schätze unter den eher solitär veranlagten Blutsverwandten. Einen Gegenüber zu finden, der einen nicht nur als Mittel zum Zweck sieht und benutzt ist eine fast unrealistische Hoffnung in dieser Gesellschaft. Ein Vampir ist ein Wesen, dass schon willentlich die physischen Handlungen seines Körpers steuern muss, damit dieser sich überhaupt bewegt. Eine solche Kreatur, so unschuldig sie auch im Sinne ihrer Prinzipien sei, kann gar nicht umhin stets eine ganze Palette von Agenden und diesen vorschubleistenden Komplotts im Kopf zu haben.

Dieser verzweifelte, lautlose, unsichtbare Kampf, dessen Auswirkungen allein es sind, die Unbeteiligte erahnen können, hat seine Schiedsrichter. Dies sind die sogenannten Harpyien – Vampire, die über ein dermaßen großes gesellschaftliches Ansehen verfügen, dass sie aktiv meinungsbildend in die vampirische Tagespolitik eingreifen können. Die Position einer Harpyie, gerade weil sie im klassischen Sinne kein vom Fürst vergebenes Amt darstellt, sondern eine unabhängige, auf persönlichem Ansehen fußende Zensurinstitution, ist scheinbar ein Paradoxon. Niemand hat ihr Autorität verliehen, über die Vergabe von Status oder die Abwicklungen von Gefallenshändeln zu richten. Dennoch sind es diese scharfzüngigen Kritiker, die in jedem Elysium den Ton angeben, wenn es um die soziale Beurteilung von Blutsverwandten geht, die sich innerhalb des Systems gesellschaftlich bewegen wollen. Diese unglaubliche Macht fußt auf vier Faktoren.

Zunächst gibt es da die psychologische Komponente. Sucht man eine menschliche Entsprechung für Vampire, so stößt man unweigerlich auf Suchtkranke jeder Couleur. Als oral-fixierte (...Bluttrinker), libido-gesteuerte (kein Self-Control Check höher als der Blutpool) Abhängige mit chronifizierten Persönlichkeitsstörungen (Beast Traits) haben sie, bedingt durch ihre Natur, einen Hang zu Machtspielchen und finden Gefallen an der Erniedrigung anderer, da diese Öl auf das Feuer ihrer grundlegend narzisstischen Persönlichkeitsstruktur ist. Harpyien wandern stets auf dem schmalen Grad, gleichzeitig als vertraute Ratgeber und rücksichtslose Zyniker zu wirken. Sie befriedigen einerseits das vampirische Bedürfnis nach positiven Spiegelungen des Selbst und bedienen gleichzeitig die sadistischen Tendenzen gegen andere, mit denen unterdrückte destruktive Züge der Bestie ohne einen Bruch der Traditionen ausgelebt werden können. Harpyien sind Meister darin, die psychologischen Schwächen ihrer Blutsverwandten zu erkennen und gezielt auszunutzen.

Die zweite Komponente ist der Informationsfluss. Harpyien sind über alles stets bestens informiert. Allein das Versprechen, einem Nosferatu zu Akzeptanz in der Gesellschaft zu verhelfen, kann einer Harpyie einen fast unbegrenzten Quell an nützlichen Daten verschaffen. Harpyien sind Experten was die Lebensläufe ihrer Blutsverwandten angeht, deren Stärken und Schwächen, ihre Vorlieben und Ängste. Natürlich scheuen sich die Harpyien nicht, diese Informationen zu ihrem vollsten Vorteil einzusetzen und sind somit wahre Connaisseure der subtilen Bestechung und Erpressung.

Die dritte Komponente liegt in der ursprünglichen Aufgabe der Harpyien als Wächter und Schiedsrichter des Gefallensystems und der Etikette. Harpyien sind wahre Meister darin, scheinbar salomonische, aber dennoch höchst subjektive Urteile zu fällen und diese, gut verpackt als Ratschläge, zum stillen Gesetz in ihrer Stadt zu machen. In einer Gesellschaft, in der Gewalt verpönt ist, üben sie mit spitzer Zunge die Macht von Polizist, Richter und Henker des sozialen Standes einer Person aus. Weil alle Blutsverwandten ihr gesellschaftliches Fortkommen sichern wollen, lassen sie sich auf das Spiel der Harpyien ein, biedern sich an und unterstützen deren Schiedssprüche. Wehe der Stadt, in der mehrere Harpyien beginnen, gegeneinander ins Feld zu ziehen. Wenn die unangefochtenen Herren der Intrige und Equivokation beginnen, ihre Günstlinge gegen die der anderen auszuspielen und ganze Existenzen zu ruinieren, nur um den anderen bloßzustellen, sind die restlichen Blutsverwandten selbst zu den schändlichsten Taten bereit, um ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Die vierte und mit bedeutendste Komponente liegt in der inoffiziellen Beraterfunktion der Harpyien für den Fürsten der Stadt. Kein Amt legitimiert sie und rein theoretisch sollten sie eigentlich nicht in der Lage sein, die Rechtsprechung eines Fürsten zu beeinflussen. Anders als der Rest seiner Vasallen in Amt und Würden, sind sie dem Fürsten nicht im mindesten verpflichtet. Ein kluger Fürst aber, wird immer ein offenes Ohr für die Harpyien seiner Stadt haben. Protegiert er sie nicht, würden es seine politischen Gegner tun – und die scharfe Zunge einer Harpyie hat schon so manchen Fürsten entwurzelt, der glaubte seine Stellung für alle Ewigkeit inne zu haben. Zweitens kommt ein Fürst normalerweise nicht mehr viel in gemischte Gesellschaft. Die Exklusivität seines Status ist normalerweise auch dessen Fluch. Niemand aber ist besser als eine Harpyie, um ihn über die aktuellen Geschehnisse in der Domäne auf dem laufenden zu halten – da niemand sonst so eindrucksvolle und detaillierte Einblicke in die Psyche des einzelnen Blutsverwandten geben kann. Das Volk einer Domäne setzt sich immer aus Individuen zusammen und obwohl der Fürst dies leicht übersehen kann, wird gerade dies immer das Metier der Harpyie sein. Weil aber alle Blutsverwandten wissen, in wessen Ohr die Harpyien je nach Lage Honig oder Gift träufeln, spielen sie alle ihr Spiel mit und gestatten ihnen so manche Arroganz und Spitzfindigkeit, im Gegenzug für die Möglichkeit gesellschaftlichen Aufstiegs.

Harpyien sind mächtige Verbündete oder Gegner in der Gesellschaft der Camarilla, doch viele sind schon gestürzt, weil sie ihr Blatt überreizten und in Ungnade vielen. Es ist das Schicksal dieser Kaste von Exaltierten ihr ganzes Unleben lang einen Tanz auf dem Drahtseil zu vollführen. Denn ist eine Harpyie erst einmal von ihrem hohen Ross gestürzt, warten alle, die früher unter ihr leiden mussten, nur darauf, sie gnadenlos auf dem sozialen Parkett zu zerfleischen, unterstützt von den einstigen Kollegen, denen nichts eine diebischere Freude bereitet, als einen einstigen Konkurrenten zugrunde zu richten.

Status und Ämter


Der Stand innerhalb der Gesellschaft der Camarilla wird durch zwei Faktoren bestimmt. Zum einen ist das politische Amt einer Person wichtig, zum anderen ihr gesellschaftlicher Status. Die Kombination aus den beiden Faktoren bestimmt, ob eine Person einer anderen untergeordnet, gleichgestellt oder höhergestellt ist. Der gesellschaftliche Umgang zwischen zwei Personen ist durch ihren relativen Stand zueinander vorbestimmt.

Der gesellschaftliche Status ist zu einem großen Teil durch das Alter der betreffenden Person bestimmt. Man unterscheidet: Ahn, Ancilla, Neonate, Kind.
Durch den Kuß der Unsterblichkeit wird man automatisch zu einem Kind. Diese rechtlose Zwischenexistenz ist die äußerst gefährliche Phase, in der ein Blutsverwandter noch kaum etwas vom Treiben der Gesellschaft der Camarilla weiß oder versteht, aber – zu Lasten seines Erschaffers – oft Spielball der Älteren wird.

Der Status des Neonaten wird einem durch seinen Erschaffer verliehen. Dies geschieht, indem der Erzeuger sein Kind als ein vollwertiges Mitglied der Camarilla dem Fürsten der Domäne vorstellt und das Kind von diesem in einer kurzen Zeremonie akzeptiert wird. Vielfach ist diese sogenannte “Freigabe” oder auch “Freisprechung” mit einer Einladung verbunden und stellt damit den ersten wirklichen gesellschaftlichen Kontakt, als autonomes Individuum, des neuen Neonaten dar.

Der Status des Ancilla wird von einem residenten Ahnen (nicht notwendigerweise des eigenen Clans oder der eigenen Domäne) verliehen. Ein Ancilla zeichnet sich dadurch aus, das er seinen Wert für die Gesellschaft und die Domäne, in der er verweilt, bewiesen hat. Er ist bereit und in der Lage Verantwortung zu tragen. Gewöhnlich wird eine Person im Alter von hundert bis hundertfünfzig Jahren als Ancilla anerkannt, dem Fürsten empfohlen durch den Ahnenmentor, in dessen Dienst er sich gestellt hat.

Der Status eines Ahnen, der Anerkenntnis einer Kreatur die vor dem Recht praktisch zwischen den Regentropfen wandelt und als Patriarch über das eigene Blut der Region wacht, kann nur durch die Akzeptanz aller Ahnen der Gegend erlangt werden. Das früheste Alter, indem ein Ancilla diesen Schritt in wahre Macht und Unabhängigkeit versuchen mag, liegt bei der Grenze von dreihundert Jahren Lebensalter. Der Prozess der Anerkennung ist langwierig und meistens über Jahrzehnte der Intrigen sorgsam vorbereitet. Nichts ist vernichtender, als im letzten Moment zu scheitern. Im Falle einer deutschen Domäne wären alle Ahnen aller deutschen Domänen zu überzeugen, dass dieser Status angemessen ist. Es kann zu großen Verwicklungen und Intrigen führen, wenn nur ein Teil der Ahnen jemanden für würdig hält.

Das politische Amt ist durch die Traditionen der Camarilla gegeben. Die Positionen und Aufgaben ihrer Würdenträger sind damit auch Ausdruck ihrer Stellung in der Gesellschaft. Grundsätzlich sind die folgenden Ämter zu beachten: Justikar, Fürst, Erstgeborener/Erstvasall.

Der Justikar ist der oberste Würdenträger der Exekutive der Camarilla. Sechs dieser Posten, einer für jeden Clan der Camarilla, bestehen und sind mit regionaler Autorität ausgestattet. Der Justikar für Deutschland bspw. ist der Ahn des Clans Ventrue, Rheinhardt von Trotta. Justikare sind stets von immensem Alter, mit einem Erschaffungsdatum, das oft weit vor den Gründungsnächten der Camarilla liegt. Justikare sind nur dem Inneren Zirkel der Camarilla Rechenschaft schuldig und haben praktisch unbegrenzte Macht. Ihr Wort kann Fürsten stürzen, Ahnen ihrer Würde entheben und ganze Domänen vom Leben zum Tode führen. Wann immer ein Justikar eine Gerichtsverhandlung, eine sogenannte Konklave, einberuft, kann man sich sicher sein, dass das Gesicht des ihm unterstellten Landes sich im Anschluss profunde geändert haben wird.

Der Fürst ist weniger eine feudale Lichtgestalt, eingesetzt durch das Gottesgnadentum und durch absolute Macht über eine gesichtslose Masse von lehenstreuen Vasallen herrschend, als vielmehr der oberste Verwalter, Vermittler, Verteidiger und Schlichter eine Domäne. Seine Macht, sein Alter, aber auch sein gesellschaftliches Ansehen machen ihn zu einem nicht zu ignorierenden Faktor lokaler Machtpolitik. Die Traditionen legitimieren seinen Anspruch, dass wer innerhalb der Grenzen seiner Domäne jagt, ihm Respekt schuldet und seinen Gesetzen zu folgen hat. Jedoch ist nur ein Fürst, der diese Forderung auch real durchzusetzen in der Lage ist, einer, der sich auf Dauer auf dem Thron halten wird. Ein Fossil, dass Kadavergehorsam und antiquierte Gesten der Unterwerfung fordert, kann in diesen Zeiten nicht bestehen. Die Anarchenrevolte hat das mehr als eindeutig gezeigt. Heute ist der Fürst eher Diplomat als Feldherr, aber das bedeutet nicht, die Auswirkungen der Schlachten, die er schlägt, wären weniger blutig. Der Fürst einer Domäne kann der beste Mentor, aber auch der ärgste Todfeind eines Blutsverwandten sein. Egal in welcher Ausprägung, die Beziehungen zum Fürsten der eigenen Domäne sind selten etwas anderes als extrem. Auf welchem Wege auch immer, dieses Individuum hat es bewerkstelligt, die Herrschaft über eine Metropole zu erlangen, sie gegen andere Mächtige zu verteidigen und eine Großzahl menschlicher Institutionen, die das Fundament seiner Macht bilden, unter seine Kontrolle zu bringen. Man sieht niemals die Leichen im Keller des Fürsten, aber genau dies, diese glatte Fassade immakulater Legalität und Rechtschaffenheit, ist das beunruhigende. Ein erfolgreicher Fürst herrscht nicht dadurch, dass er Macht ausübt, sondern dadurch, dass alle Blutsverwandten immer ganz genau spüren, wann er großzügig darauf verzichtet dies zu tun.

Der Erstgeborene oder Erstvasall ist traditionell das älteste Mitglied einer Blutsfamilie in der Domäne. Abhängig von einer clansinternen Hackordnung jedoch, sieht die Wirklichkeit jedoch meist tatsächlich den fähigsten und einflussreichsten Vertreter des Clans auf diesem Posten. Der Erstgeborene eines Clans sollte sich jedoch hüten, für seinen Clan mehr sein zu wollen als ein Patron und Repräsentant. Blutsverwandte, die sich einbildeten, ihre soziale Exaltierung würde sie auch innerhalb ihres Clans weniger angreifbar machen, sind oft nach kurzer Zeit spurlos verschwunden. Seit den Zeiten Roms versammeln sich die Vertreter ihres Blutes in einem halb-formellen Rahmen, um die Interessen ihrer Familien untereinander abzusprechen und natürlich auch gegeneinander zu vertreten. Primogenstreffen sind oft ein Hexenkessel an Intrigen, die ausschließlich gegen andere Ratsrepräsentanten gerichtet sind. Obwohl einige Fürsten von ihnen abhängige Beraterstäbe aus allen Clans ernennen, ist dies nicht der eigentliche Sinn von Amt und Würden. Der Rat der Erstgeborenen bildet traditionell eine Art loyaler Opposition zu den Machtinteressen des Fürsten. Sie vertreten die Interessen ihres Blutes in einer mehrheitlichen Fraktion, die ob ihrer Macht und ihres Ansehens in der Domäne einfach nicht ignoriert werden kann. Kein Fürst herrscht in einem Vakuum und die Macht des Rates war es stets, ihre Blutsfamilien zu mobilisieren, um einen Fürsten aktiv zu boykottieren oder zu sabotieren, sollte er auf längere Zeit ihre Bedürfnisse ignorieren oder gar ignorieren. Das bedeutet jedoch keinesfalls, das Primogen würde den Fürsten nicht stützen. Ganz im Gegenteil, ist viel von der Macht der Erstgeborenen abhängig von der Stabilität des Throns und vice versa. So herrscht ein gewisser grimmer Respekt zwischen beiden Parteien, während sie, trotz aller inneren Spaltung, nach außen hin gemeinsam den Machtanspruch der Camarilla zementieren.

Natürlich gibt es neben den oben genannten Ämtern weitere Funktionsträger wie Archonten, Seneschalle, Hüter des Elysiums, Herolde, Sheriffs, Geißeln und dergleichen. Allerdings ist deren Stellung sehr von ihrer Person und der Domäne abhängig, in der sie ihre Funktion ausüben. Im Zweifelsfalle ist es für den unbedarften Blutsverwandten stets von Vorteil, sich am gesellschaftlichen Status der betreffenden Person zu orientieren und sich nach Eintreffen schleunigst sehr genau über die Rechte und Pflichten der dortigen Amtsträger zu informieren.

In alter Zeit war es normal, dass ein politisches Amt einen gewissen gesellschaftlichen Status voraussetzte. In neuerer Zeit geschieht es allerdings immer häufiger, dass eine Person ein politisches Amt inne hat, das ihrem gesellschaftlichen Status nicht entspricht. Dies führt zu einer politisch wie gesellschaftlich prekären Lage.

Als Faustregel sollte sich der gesellschaftlich Unerfahrene immer zuerst am gesellschaftlichen Status orientieren. Bei gesellschaftlich Gleichgestellten ist der politische Rang allerdings sehr wohl zu beachten. Somit ist ein Neonate, der das Amt eines Erstgeborenen inne hat, einem Ancilla untergeordnet, während er gegenüber einem anderen Neonaten höhergestellt ist.

Allgemein ist zu bemerken, dass man zwar durchaus öfters ein Amt, aber Status nie verliert. Ein Ancilla kann zwar das Ansehen verlieren, dass mit seiner Position einher geht, den Titel, so leer wie er ist, wird er nie einbüßen und kann somit mit Fug und Recht auf Boden, auf dem er nicht bekannt ist, einen Neustart wagen. Schon viele gescheiterte Existenten zogen auf einen neuen Kontinent und begannen ihr Spiel von neuem. Die einzige Frage dabei ist, ob die eigenen Feinde den Blutsverwandten der nun gestrauchelt ist überhaupt aus ihrem Griff entkommen lassen.

Etikette


Auch wenn einige Verhaltensweisen innerhalb der Camarillagesellschaft etwas antiquiert anmuten mögen, sind keinesfalls die Kniggeschen Formen der Höflichkeit, wie sie in Deutschland gang und gäbe sind, außer Kraft gesetzt. Zuvorkommen gegenüber Damen, gleich welchen Status, Regeln des gegenseitigen Vorstellens beim Betreten eines Raumes, etc. werden allseits erwartet und ihr Ausbleiben wird in der Gesellschaft als Faux Pas mit der kalten Schulter geahndet.

Grundsätzlich ist einem Höhergestellten Respekt und Höflichkeit entgegenzubringen.

Je größer der Standesunterschied ist, umso mehr hat der Untergeordnete die Wünsche und Aufforderungen des Höhergestellten zu beachten.

Wenn Sitzplätze nur für einen Teil der Anwesenden ausreichen, haben die höher stehenden das Recht zu sitzen. Das bedeutet, der Untergeordnete räumt seinen Platz ohne Aufforderung, wenn ein Höhergestellter hinzukommt.

Sind keine Bedienstete für die Servierung der Getränke anwesend, so kommt es dem Untergeordneten zu, seine Höhergestellten zu bedienen. Wenn dies vom Höhergestellten abgelehnt wird, so verbietet es die Höflichkeit noch einmal zu fragen, es wäre aufdringlich. Äußert der Höhergestellte jedoch später den Wunsch nach einem Getränk so hat der Untergeordnete entsprechendes zu kredenzen.

Ist man im Gespräch mit einem Höhergestellten und möchte dieses Gespräch beenden oder sich aus einer Gesprächsrunde zurückziehen, so fragt man den Höhergestellten ob er es entschuldigen würde. Es ist extrem unhöflich, sich einfach ohne Kommentar aus dem Gespräch zu entfernen.

Ein kurzes Wort der Entschuldigung ist ebenfalls angebracht, wenn man sich in ein Gespräch einmischt, an dem ein Höhergestellter beteiligt ist.

Unter gar keinen Umständen drängt man sich zwischen die Gesprächspartner, kehrt dem Höhergestellten womöglich dabei den Rücken zu, und redet ungebeten mit einem Gesprächsteilnehmer.

Es ist schon Gleichgestellten gegenüber rüde, wenn man seinen Gesprächspartner unterbricht. Einen Höhergestellten lässt man ausreden!

Als Neonate und gesellschaftlich Unerfahrener sollte man sich immer vor Augen halten, dass die Ahnen in einer Welt mit viel strengeren Sitten und Gebräuchen gelebt haben. Daraus resultiert, dass viele Ahnen Wert auf Formen der Etikette legen, die heutzutage nicht mehr eingehalten oder gelehrt werden. Beim Besuch einer fremden Domäne sollte man sich schleunigst über die dort üblichen Umgangsformen informieren. Zuständig für solche Fragen ist die Harpyie der Domäne die man besucht.

Obwohl ein Blutsverwandter von seinen Geringeren Respekt erwarten kann, so bedeutet dies nicht, dass man ihm sklavische Untergebenheit oder übertriebene Gesten der Unterwerfung präsentieren wird. Eine Höhergestellter, der zu sehr auf seinem Status beharrt und übertrieben hart mit weniger etiketteversierten Jüngeren umspringt, gibt sich auf Dauer der Lächerlichkeit preis.

Alter bedeutet auch die Weisheit, kleinere Fehler großzügig zu übersehen und dafür die wichtigeren, bei denen es angemessen ist, umso härter zu ahnden. So verdient man sich den Ruf des vertrauenswürdigen, respektierten Mitglieds einer höheren Schicht der Gesellschaft.

Einladungen: Tanz auf dem Drahtseil


Gastgeber ist derjenige, der eine Einladung ausspricht oder der die relevanten Örtlichkeiten als seinen Besitz betrachtet. In dieser Beziehung kann man natürlich den Fürsten einer Domäne immer als Gastgeber betrachten, solange die relevanten Örtlichkeiten innerhalb seiner Domäne liegen. Dies wird jedoch nur selten in explizitem Maße so gehandhabt. Allerdings sollte sich jeder Gastgeber, der seinen Fürsten einlädt sich dieser Tatsache bewusst sein.

Eine Einladung ist immer eine gesellschaftliche Verpflichtung. Der Gastgeber bestimmt, wer kommen soll und wer nicht.

Diese Entscheidung ist eine der wichtigsten und oft auch schwierigsten, die es in unserer Gesellschaft gibt.

Gäste, die den gleichen Status haben wie der Gastgeber sind durch eine Einladung erst einmal verpflichtet, im Falle einer eigenen Veranstaltung den Gastgeber ebenfalls einzuladen. Dies trifft um so mehr auf Gäste mit niedrigerem Status zu.

Gäste mit höherem Status sollten aufgrund der Einladung absehen können, ob die Veranstaltung ihr Interesse weckt. Wenn ein Höherstehender eine Einladung ablehnt, so ist dies sein gutes Recht und muss nicht als Beleidigung gewertet werden.

Wenn sich ein Gleichgestellter oder Niedrigrangiger entschließt, eine Einladung abzulehnen, so sollte er sicher stellen, dass dies mit dem gebührenden Respekt und unter Angabe eines Grundes erfolgt. Wenn jemand ohne Absage nicht zu einer Veranstaltung erscheint, zu der er ausdrücklich eingeladen war, so kann der Gastgeber dies als Beleidigung werten.

Auch wenn man eine Einladung annimmt, so ist es ein Gebot der Höflichkeit den Gastgeber darüber zu informieren.

Generelle Einladungen zu Konklaven oder großen Veranstaltungen, bei denen alle Kainiten oder alle Mitglieder der Camarilla eingeladen sind, sind nur zu beantworten, wenn man erscheinen wird. In solchem Fall sollte angekündigt werden wie man von der Einladung Kenntnis erhalten hat und das man kommen wird. Diese Ankündigung kann auch für eine Gruppe gemeinsam gemacht werden. Hier geht es eher darum, den Gastgeber über die Anzahl der zu erwartenden Gäste und deren Status zu informieren.

Bei einer Einladung gibt es drei Personengruppen zu unterscheiden: die Persona Gratissima oder auch Ehrengäste, die Persona Grata oder auch Gäste und die Persona non Grata oder auch unerwünschte Personen. Mindestens die Ehrengäste sollten eine persönliche Einladung erhalten, in der sie namentlich genannt sind. Unerwünschte Personen werden nicht eingeladen, was dazu führen kann, das sich alle, die keine Einladung erhalten, für nicht erwünscht ansehen.

Durch die Einladung geht der Gastgeber die Verpflichtung ein, sich für die Dauer der Veranstaltung um das Wohl seiner Gäste zu bemühen. Dies schließt angemessene Örtlichkeiten, angemessene Wahl der Gäste und angemessene Sicherheit der Gäste ein. So wird man in der Regel keine Anarchen einladen, wenn man einen Justikar erwartet; man sollte einen Maskenball nicht unbedingt unter einer Brücke veranstalten; und bei einem gesellschaftlichen Anlass ist es eine Überlegung wert, das Tragen von Waffen zu untersagen.

Nach alter Sitte, steht ein Gast unter dem Schutz des Gastgebers. Dies bedeutet, das der Gastgeber bemüht sein sollte, Streiterein unter seinen Gästen zu schlichten, Angriffe von Außerhalb zu vermeiden und natürlich den Gast nicht selbst zu beleidigen.

Die Ehrengäste und die anwesenden Ahnen sollten den anderen Gästen vorgestellt werden. Es spielt dabei keine Rolle, ob die betreffende Person allen bekannt ist oder nicht, die Ehrung des Ehrengastes besteht unter anderem in dieser Vorstellung.

Der Gastgeber hat mindestens für die Dauer der Veranstaltung, zu der er geladen hat, das Hausrecht in den relevanten Örtlichkeiten. Dies umfasst das Recht, jeden Gast, der sich nicht angemessen verhält, der Örtlichkeiten zu verweisen. Diese Regel hat allerdings die Ausnahme im Hüter des Elysiums, sofern die Örtlichkeiten zum Elysium erklärt wurden.

Der Gastgeber hat weiterhin das Recht, für die Dauer der Veranstaltung spezielle Verhaltensregeln von seinen Gästen zu fordern. Darunter fallen: das Tragen angemessener Kleidung, das Tragen von Masken, das nicht Tragen von Waffen, die Teilnahme an Spielen und vieles mehr. Diese Regeln sind allerdings in der Einladung zu nennen, damit sich der Gast darauf einstellen kann und im Falle, das er sie nicht akzeptieren kann, die Möglichkeit hat, der Veranstaltung fernzubleiben.
Der Gastgeber steht für die Dauer der Veranstaltung in höherem Status als seine sonst Gleichgestellten. Der Satz der Gast ist König gilt nur sehr eingeschränkt für Gäste einer gesellschaftlichen Veranstaltung. Man sollte ihn eher in dem Sinne interpretieren, dass das Wohl des Gastes die Pflicht des Gastgebers ist. Ansonsten haben die Gäste dem Gastgeber einen höheren Respekt entgegenzubringen, als es seinem allgemeinen Status entspricht. Dies geht nicht so weit, dass der gesellschaftliche Status aufgehoben wird, sondern betrifft eher die Gleichgestellten des Gastgebers.

Gast ist derjenige, der sich auf Wunsch des Gastgebers in einer Örtlichkeit aufhält. Eine Einladung ist als Ausdruck eines solchen Wunsches zu sehen. Ohne eine Einladung muss man sich dem Gastgeber vorstellen um ihm die Möglichkeit zu geben, sich eine Anwesenheit zu verbitten oder eine Einladung auszusprechen.
Mit der Einladung hat der Gastgeber die Möglichkeit, Regeln für seine Veranstaltung festzulegen. Eine Angenommene Einladung ist Ausdruck der Bereitschaft, sich diesen Regeln zu unterwerfen.

Zu den unausgesprochenen Regeln gehört immer das Hausrecht, nach dem der Gastgeber das Recht hat einen Gast der relevanten Örtlichkeiten zu verweisen.
Jeder Gast hat das Recht, sich jederzeit von der Veranstaltung zu entfernen. Es ist allerdings unklug, sich ohne Verabschiedung zurückzuziehen. Desgleichen, wenn der höhergestellte Gastgeber zu verstehen gibt, dass er die Anwesenheit des Gastes noch eine Weile genießen möchte.

Der Gast kann von seinem Gastgeber erwarten, dass sich dieser Mühe gibt, allen Schaden vom Gast fernzuhalten und seinen eigenen Gast nicht zu beleidigen.

Man sollte niemals vergessen, dass, bei allen oben erwähnten Dingen, der Fürst der Herr des Landes ist, auf dem man wohnt und jagt. Er ist im absoluten Sinne also immer der Gastgeber und seine Interessen, der ihm zu leistende Respekt und seine Entscheidungsgewalt bei einer Veranstaltung gelten auch in seiner Abwesenheit als unantastbar.

Die Traditionen: Gesetze der Camarilla


Die Stabilität der Camarilla fußt auf der nominellen Unbrechbarkeit von sechs Gesetzen, die Traditionen genannt. Selten hat ein so schwammig formuliertes Gesetzeswerk, das dem einzelnen Despoten so viel Macht zuschanzt, wie er sich durch Chuzpe selber sichern kann, eine Gesellschaft so dominiert. Aber kein Aufstand hat sich je gegen diese Gesetze gerichtet, niemand wagt es sie nach Jahrhunderten des Missbrauchs zu brechen oder es zu beanstanden, wenn sie – wie so oft – nicht zur Gerechtigkeitsfindung, sondern zur Ausräumung politischer Rivalen instrumentalisiert werden. Sie sind wahrhaftig zu Traditionen geworden. Mit ihrem ersten Blut nehmen die Welpen die Traditionen wie Muttermilch auf. Selbst die Ahnen, die sonst zwischen den Regentropfen wandeln, nehmen die Gesetze noch so ernst, dass sie zweimal überlegen, bevor sie diese brechen. Die gesamte Gesellschaft der Camarilla hat sich dahingehend selbst indoktriniert, zu glauben, dass ohne diese und genau diese Traditionen die Gesellschaft binnen kürzester Zeit in Chaos und Vernichtung vergehen würde. Der Vampir fürchtet aber nichts mehr als den Verlust des eigenen, unsterblichen Lebens. Die Traditionen zu schützen wird somit zum Selbstschutz und Selbstzweck. Nicht Gesetzestreue, sondern purer Egoismus erhält die Legislation der Camarilla aufrecht.

MASKERADE: DU SOLLST NIEMANDEM DEINE WAHRE NATUR OFFENBAREN, DER NICHT VON UNSERER ART IST. WER SOLCHES TUT, HAT SEINE BLUTRECHTE VERWIRKT.

DOMÄNE: DEINE DOMÄNE IST DEIN BELANG. ALLE ANDEREN SCHULDEN DIR IHREN RESPEKT; WÄHREND SIE IN IHR VERWEILEN. NIEMAND MAG SICH IN DEINER DOMÄNE GEGEN DEIN WORT AUFLEHNEN.

NACHKOMMENSCHAFT: DU SOLLST ANDERE UNSERER ART NUR MIT DEM SEGEN DEINES AHNEN ERSCHAFFEN. ERSCHAFFST DU EINEN ANDEREN OHNE DEINES AHNEN ERLAUBNIS, SO SOLLEN DU UND DEIN KIND ERSCHLAGEN WERDEN.

RECHENSCHAFT: JENE, DIE DU ERSCHAFFST, SIND DEINE KINDER. BIS DEINE NACHKOMMENSCHAFT ENTLASSEN IST, SOLLST DU SIE IN ALLEN DINGEN UNTERWEISEN. IHRE SÜNDEN SIND DIE DEINEN ZU TRAGEN.

GASTFREUNDSCHAFT: EHRE DES ANDEREN DOMÄNE. KOMMST DU IN EINE FREMDE STADT, SO SOLLST DU DICH JENEM OFFENBAREN, DER DORT HERRSCHT. OHNE SEIN WORT DER BILLIGUNG BIST DU NICHTS.

VERNICHTUNG: ES SEI DIR VERBOTEN EINEN ANDEREN DEINER ART ZU VERNICHTEN. DAS RECHT DER VERNICHTUNG OBLIEGT AUSSCHLIESSLICH DEINEM AHNEN. NUR DIE ÄLTESTEN UNTER EUCH SOLLEN DIE BLUTJAGD AUSRUFEN.

Im Endeffekt bricht fast jeder Blutsverwandte ohne Unterlass die Traditionen. Bei all dem intriganten Gemauschel, bei all der gängigen Gewalt, bei den diabolischen Plänen und brennenden Eitelkeiten bleibt die Gesetzestreue ganz schnell auf der Strecke. Was zählt, ist den Schein zu bewahren und sich nicht erwischen zu lassen. Die Camarilla fällt auch deshalb so gnadenlos über jeden offenen Brecher einer Tradition her, da alle von der Angst geleitet sind, selber in Verdacht zu geraten, Fehler zu machen und Opfer einer Legislation zu werden, die in der Praxis kaum anwendbar ist. Die Traditionen sind eine weitere Fassade von Lug und Trug im endlosen Verwirrspiel der Camarilla. Sie zu brechen und davon zukommen mit dem Einverständnis der restlichen Gesellschaft bedeutet den Besitz und die Ausübung wahrer Macht. Kurz: Es ist das, was ein Fürst praktiziert. Er ist Herr der Traditionen, weil er es versteht, sie auf die richtige Art und Weise zu brechen.

 

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