GildenHeute

Gilden im Industriezeitalter


Der Zweite Gildenkrieg


1890 passiert das, was alle gefürchtet hatten. Mit dem ersten (nur ca. 5 Minuten langen) Film wurde eine neue Kunstform geboren. Während die Gilde Nemesis durch eine Verzögerungstaktik versuchte, das Problem zu verschieben, indem sie erklärte, der Film sei, ebenso wie das Grammophon, nur eine Aufzeichnung anderer Kunst, sahen die Gilden ihre große Chance, die erste wirkliche bombastische Neuheit der letzten Jahrhunderte für sich zu beanspruchen und, durch Überschneidungen mit anderen Gilden, sich deren Kompetenzbereiche aneignen zu können.

Die Gilde Apollon erklärte, dass Szenen aus dem Leben vergänglich seien und nur durch das Licht festgehalten würden.
Die Gilde Pygmalion erklärte, dass der Prozess des Filmens eine Bändigung der natürlichen Ordnung sei und das eigentlich Gezeigte zweitrangig.
Die Gilde Minerva erklärte, dies sei Kunst, die zur Information und Beglückung im Alltagsleben der Menschen gemacht sei.
Die Gilde Fautori erklärte, dies sei eine absolute Neuentwicklung und falle darum unter das Werk ihrer musischen Inspiration.

Man hielt still und beobachtete, insgeheim hoffend, der Film sei nur eine kurzlebige und vergängliche Modeerscheinung. 1917 wurde jedoch auf Befehl Graf Ludendorffs zu Propagandazwecken die Deutsche Universal Film Gesellschaft gegründet. Die UFA war die erste international operierende Produktions- und Verleihfirma der Welt. Der Kopf der Nemesis Gilde, Genevieve Orseau, zog sich in die Starre zurück.

Am 1. Januar 1918 erklärten die Oberhäupter der Gilden ihren Verbund für aufgelöst und warnten sich gegenseitig, nicht die UFA unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Gilden versuchten noch, den zögerlichen Frieden zu wahren, doch niemand vermittelte mehr zwischen ihnen und das Filmgeschäft wurde binnen weniger Jahre immer größer.

1927 erschien Fritz Langs Film "Metropolis". Mit zwei Jahren Drehzeit, einem Aufwand von fünf Millionen Reichsmark und 36.000 Akteuren war er der aufwendigste Film aller Zeiten. Alle Gilden versuchten, ein letztes Mal zu kooperieren, und hatten gemeinsam dieses Mamutprojekt ermöglicht. Der Film floppte, und die UFA wurde durch das Konzernimperium des Alfred Hugenberg, Ghul des Ventrue-Ahnen und Berliner Fürsten Gustav Breidenstein, geschluckt.

Verrat lag in der Luft.

Weihnachten 1927 begann der Zweite Gildenkrieg.

Zu den Olympischen Spielen 1936 gab es keinen lebenden oder aktiven Toreador mehr, der noch Mitglied in einer Gilde gewesen oder sich zu einer solchen bekannt hätte.

Ab da an teilt sich der Clan nur noch in Artistes, die selbst Kunst schaffen, und Poseurs, die Kunst anderer fördern.

Die Zweite Renaissance der Gilden


1980 sammelten sich einige beherzte Ahnen und riefen die Ordnung der Gilden bei neuen Pythischen Spielen in ihrem einstigen Herzland Mitteleuropa aus. Diese Spiele waren klein und nichts im Vergleich mit der alten Pracht vergangener Tage, und doch erhoben sich einige Alte, die es auf sich nahmen, für die Gilden zu sprechen und diese wieder zu organisieren:
Gotthold Ephraim Lessing, der große Dichter, für die Gilde Apollon.
Antoinette Laroque, die legendäre Regisseurin, setzte ein Zeichen und erhob sich für die Gilde Pygmalion. (Danach fand das Thema der Zugehörigkeit des Films nie wieder Erwähnung.)
Gabrielle Monique de St. Etienne, die große Gesellschafterin und Designerin für die Gilde Minerva.
Michelle La Roche, die legendäre Begründerin des weltbekannten Clubs Le Sang, für die Gilde Fautori.
Eleanora Virginia Visconti, Kind der Gründerin Genevieve Orseau, für die Gilde Nemesis.

Ihnen folgten all die, die sich noch mit Wehmut an die Hochzeiten erinnerten und eine Renaissance der Blüte von Clan Toreador erleben wollten.
Außerhalb Mitteleuropas wußte kein jüngerer Toreador mehr, was die Gilden waren, und selbst in ihren Kerngebieten wurden sie nur als lästiges altes Beiwerk betrachtet. Die Hoffnung lag also bei den Ancillae und Ahnen und der Belehrung der Neonaten. Doch der Prozess ist langsam und mühselig.
Die Pythischen Spiele 1984, 1988 und 1992 wurden nur von wenigen Dutzend Toreador besucht. Und doch lag hier der neue Funke der Genialität jener, die verzweifelt versuchten, eine neue Form für etwas Totgeglaubtes zu finden und es ihrem Clan zurückzugeben.

Die Pythischen Spiele 1996 in Mailand erstrahlten dann mit 80 Teilnehmern des Clans Toreador und interessierter Gästen anderer Clane. Selbst die plumpen Versuche des Sabbat, die Festivität zu sabotieren, wurden mit Leichtigkeit von den Anwesenden zurückgeworfen.

Der Triumphzug mündete schließlich im Jahr 2000, bei den Pythischen Spielen in Den Haag. 120 Toreador und 50 Gäste anderer Clane begingen ein riesiges rauschendes Fest, bei dem zum ersten Mal wieder neue Mitglieder den Gilden beitraten und sich vor den Augen der Nemesis miteinander maßen.
Jedoch standen die Spiele auch unter dem Schatten des Todes von Antoinette Laroque und Michelle La Roche, die beim Krieg einer deutschlandweiten Anarchenbewegung mit den Ventrue während einer Berliner Hofhaltung bestialisch ermordet wurden.

Sie sollten nicht die einzigen Toten bleiben. 2001 erhoben sich die Diener der Nosferatu-Uralten Patrizia von Brabant und vernichteten im Hamburger Atrium die gesamte deutsche Führungselite des Clans Toreador. Es starben dort auch alle überlebenden Köpfe der Gilden. Seitdem wurden unter der Führung des Ahnherren Arcangelo Corelli, neuer Didaskalos der Gilde Nemesis und Kind des im Feuer von Hamburg vergangenen Benedict Diachiami, und einer Reihe handverlesener Ancillae die Gilden neu besetzt. Unter Reformen wurden die Tore der Gilden weit für alle Toreador geöffnet, um diese so wertvolle und so schwer angeschlagene Institution wieder zur Blüte zu bringen.

Die Pythischen Spiele 2004 in Berlin standen unter dem Zeichen der Trauer. Die Freude an der Kunst und der Glanz der Spiele in Den Haag blieben nur Erinnerung, zu wenige Toreador wagten es, sich vor den Augen des Ahnherren Corelli selbst als Künstler zu bezeichnen. Und doch... die Gilden haben überlebt. Und sie werden weiterbestehen.
 

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