SpielerCharakterRolle

Spieler, Charakter, Rolle


Die Reihenfolge in der Überschrift ist falsch. Es muss eigentlich heißen: "Spieler, Rolle, Charakter". Aber es bleibt so, wie es ist, denn die Rolle ist es, die Spielern üblicherweise nicht so vertraut ist wie sein Verhältnis zum Charakter.

Ich möchte in diesem Text die Position vertreten, dass die Wahl einer Rolle für das Rollenspiel und Liverollenspiel leider oftmals übersprungen, unterschlagen oder gar gemieden wird. Dies liegt sicher nicht zuguterletzt daran, dass allen Beteiligten, Spielern wie auch Spielleitern, die Überlegung zu einer Rolle unvertraut ist. Was ist denn eine Rolle?

Ja, was genau ist eine Rolle?

Der Spieler


Der Spieler ist die Person, die am Spiel teilnimmt, Frau oder Mann. Eigentlich gibt es dazu nicht viel zu sagen. Auch Spielleiter sind Spieler, wenn sie denn am Spiel teilnehmen. Beim Vampire-Live ist es ja üblich, dass die Spielleiter immer als Spieler am Spiel teilnehmen, wohingegen beim Fantasy-Live es usus ist, dass Spielleiter das Spiel aus einer Beobachterperspektive begleiten. Als Spieler ist man von allen anderen Spielern als Mitspieler akzeptiert, handelt also auf Basis der impliziten und expliziten gemeinschaftlichen Vereinbarungen.

Der Spieler hat zur Teilnahme am Spiel einen Charakter darzustellen. Dies ist eine Minimalforderung. Für die Teilnahme an der Spielwelt sollte ein Spieler jedoch eine Rolle ausfüllen.

Die Rolle


Die Rolle ist das, was der Spieler aus der Perspektive außerhalb des Spiels zur Spielwelt beiträgt. Die Rolle ist gewissermaßen das, was bei White Wolfs "Vampire: Maskerade" oben rechts auf dem Charakterbogen als "Konzept" aufgeführt ist und ausgefüllt werden sollte. Die Rolle ist das, was dem Spieler Orientierung über Sinn und Zweck des Charakters in der Spielwelt geben soll. Rollen können so etwas sein wie Unruhestifter, schmieriger Informant, unglücklich Verliebter, Faust des Fürsten, des Fürsten Alptraum, psychotische Bedrohung, Auge im Sturm, Spielzeug der Älteren und vieles mehr.

Es ist damit dann Aufgabe des Spielers, einen Charakter zu entwerfen, der der gewählten Rolle gerecht werden kann. Mit der Wahl einer Rolle übernimmt ein Spieler Verantwortung in der Spielwelt, diese Rolle für sich und zur Befriedigung seiner Mitspieler darzustellen. Der Charakter ist dafür das Werkzeug.

Der Charakter


Der Charakter letztendlich ist die Konglomeration aus Vergangenheit und Fähigkeiten, aus Beziehungen und Zielen. Diese können im Widerspruch zur Rolle stehen, dann obliegt es dem Spieler aber, seinen Charakter trotz dieses Widerspruchs seine Rolle erfüllen zu lassen.

Ich möchte mich nicht des plumpen Sophismus bedienen und darauf beharren, dass wir Rollenspiel und nicht Charakterspiel betreiben. Aber ein Körnchen Wahrheit liegt wohl darin. In meiner Zeit als Spielleitung habe ich mich selbst dessen schuldig gemacht und Charaktere aufgestellt, ohne der Rolle größere Beachtung zu schenken. Aber ich erinnere mich dessen, dass auch immer die Fragen im Raum standen: "Was braucht unser Spiel denn an Charakteren? Woran fehlt es denn?"

Noch im Jahr vor meinem Ausstieg aus der Spielleitung habe ich befunden, dass dem Spiel Fraktionen fehlen, charismatische Charaktere, die Anführerrollen in Opposition zum Fürsten darstellen, also etwas, was ich als des Fürsten Widersacher bezeichnen würde. Im Abschnitt "Weitere Gedanken" gehe ich dem nach, warum das vielleicht nicht ausreicht.

Viel mehr gibt es an der Stelle eigentlich nicht über Charaktere zu sagen. Es gibt viele Charaktere, in jedem Roman findet man Unmengen von ihnen. Aber ein Charakter für sich genommen, ist erstmal nur ein Innenleben, dass durch die Erfüllung seiner Rolle nach außen getragen wird. Ein Charakter ist nicht Intelligenz 3 oder Stärke 2 – dies sind beides nur Mittel zum Zweck zur Erfüllung der gewählten Rolle.

Entwicklung …


… des Spielers


Die Entwicklung des Spielers lässt sich leider nicht vermeiden. Wir alle werden älter, gewinnen Erfahrung, verschieben unsere Interessen und betrachten Entscheidungen aus neuen Blickwinkeln. Es ist diese Entwicklung, die dazu führt, dass frühere Entscheidungen an Attraktivität einbüßen, was wiederum dazu führt, dass Spieler laufend Neubewertungen ihrer Rolle vornehmen und irgendwann an den Punkt kommen, von der Darstellung dieser Rolle nicht mehr erfüllt zu sein.

Deswegen sollte man Änderungen an Rollen nicht grundsätzlich abgeneigt sein.

… der Rolle


Im Laufe des Spiels können Verschiebungen in der Spielwelt oder Entwicklungen im Spieler es notwendig machen, eine Entwicklung an der gewählten Rolle durchzuführen. So kann der harte Hund zum reuigen Büßer werden, der "ich will ein besserer Mensch werden" kann zum desillusionierten Zyniker werden.

Nicht jede Entwicklung von einer Rolle zu einer anderen ist plausibel. Manches Mal fahren alle Beteiligten besser, wenn statt nur einer neuen Rolle auch gleich ein neuer Charakter entworfen wird.

… des Charakters


Welchem Zweck dient der Charakter? Gemäß meiner o.g. Forderung hat der Charakter der Erfüllung einer Rolle zu dienen. Gewiss kann ein Charakter eine Entwicklung durchlaufen, und das kann sicher auch ganz große Bedeutung haben, aber die Erfüllung der Rolle ist das Ziel. Eine Entwicklung des Charakters sollte rollenkonform (oder gar rollenkonsequent?) erfolgen. Zumeist sollte sie gar nicht notwendig sein, sollte der Charakter doch mit dem Rüstzeug erstellt worden sein, die er braucht, um die Rolle auszufüllen.

Weitere Gedanken


Mehrere Rollen?


Ich nannte oben die Rolle Widersacher des Fürsten. Diese ist aber eine sehr fürstenzentrierte Sicht der Rollenbenennung. Im Spiel mit anderen Charakteren sollte der Charakter andere Rollen erfüllen können. Es ist also naheliegend, einem Charakter nicht nur eine sondern womöglich viele Rollen ausfüllen zu lassen, je nach Kontext mit unterschiedlicher Priorität.

Eigene Erfahrung


Ich habe im Laufe meiner Spielzeit verschiedene Charaktere gespielt und abgelegt. Und ich muss sagen, das Spiel von Stanislav Pjotronov war das, was am meisten darunter litt, dass der Charakter keine Rolle auszufüllen hatte. Die Rolle des Vicomte Antoine Adrien de Gramont wiederum war implizit die des Lehrers der Gesellschaft, und es war die Anstrengung meinerseits, dieser Rolle gerecht zu werden, die mir sein Spiel so leicht machte und weswegen ich seinen Verlust so betrauerte. Auch um Neshaid Hakim Al-Assam habe ich getrauert, war seine Rolle doch die des Lamms, das man zur Schlachtbank führt, ein junger Naivling, vielleicht nicht mit weißer Weste, aber im Herzen unschuldig und gut, der ein schlimmes Ende zu finden habe – was er ja auch hatte.
 

Kategorien: Meinung
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