TageBuch20040229

29.02.2004: Dinner mit dem Teufel


Thomas hebt den Kopf. Mühsam betrachtet er durch blutverkrustete Lieder den in rote Brokatvorhänge und Perserteppiche gekleideten Raum. Die Welt als Studie in Umkehr, denkt ein irrwitzig kichernder Teil seines Selbst -- Seine Perspektive ist verzerrt, da sein durch Stunden der Folter und Vergewaltigung geschundener Körper an den Füßen mit Stacheldraht befestigt von der Decke hinab hängt. Die Hände hat man ihm mit der Flut seiner eigenen Gedärme gefesselt, die immer noch aus seiner offenen Bauchhöhle hervorquellen. All die Herde unerträglicher Schmerzen sind längst zu einem einheitlichen Grau der Abstumpfung verkommen. Zu Schreien hat er aufgegeben, seit die schreckliche Frau ihm durch eine bloße Berührung ihrer grazilen Finger die Lippen gleich Wachs zusammenschmelzen ließ. Es ist noch ein wenig Leben in ihm. Nie hat der junge Anarche es je so verflucht, ein Vampir zu sein, kann ihn doch keine dieser Verletzungen durch den Tod endlich von seinen Schmerzen erlösen.

Als Thomas wieder der Ohnmacht anheimfällt, ergießt sich eine Flut von Schatten durch den Raum, schwappt wie schwereloser Teer über die Einrichtung.

Andreas von Gleistenberg tritt aus der Dunkelheit hinaus ins Licht. Zufrieden gleiten seine schwarzen Pupillen über sein inneres Sanktum. Dann bemerkt er, dass etwas anders ist. In seinen Augenwinkeln sieht er plötzlich eine der wenigen Dinge in seiner Existenz, die in der Lage sind, ihm Furcht einzuflößen.

Ehrfürchtig sinkt der Lasombra auf ein Knie herab und senkt den Blick.

"Bischof Danilova. Ich bin erfreut Euch zu sehen, Exzellenz. Hättet Ihr mir nur Notiz von Eurer Anreise gegeben, wir hätten Vorkehrungen treffen können."

"Das ist der Grund, warum ich es vorziehe, unangemeldet zu erscheinen, Duktus von Gleistenberg. Aber ich nehme von Eurem Bemühen angenehm berührt Notiz. Erhebt Euch."

Die Stimme der Rednerin oszilliert androgyn zwischen einem rauchigen Barriton und einem sanften Alt hin und her. Gleichzeitig schält sich ihre Gestalt aus dem Sessel hinter dem herabhängenden Körper und zwingt so den Anführer des Berliner Sabbat sie zu sehen, eine der verehrten drei geistlichen Autoritäten des Schwertes Kains in der Erzdiözese Ostdeutschland. Mit einem Schaudern betrachtet Andreas die alte Hexe der Tzimisce, versucht, sich nicht in ihrem Anblick zu verlieren.

Ein Meter Neunzig mit Gottes eigener Hand und Macht geformte Perfektion schaut zurück. Das hüftlange rote Haar ist glatter als Seide, die grünen Augen erscheinen wie durch die Jahrhunderte geformte Murmeln. Danilovas marmorne Haut weist keinen einzigen Makel mehr auf, ihre Gesichtszüge sind nicht mehr schön, sondern nur noch majestätisch zu nennen.

Sanft legt ihm der Bischof eine wohlgeformte Hand auf die Schulter, läßt ihn mit der Geste genau wissen, dass rasiermesserscharfe Nägel aus geschliffenem Glas nur wenige Zentimeter entfernt von seinem Gesicht ruhen.

"Mein Kind hat mir zugetragen, dass es Unstimmigkeiten im Rudel der Tugenden geben soll. Ist das wahr?"

Andreas befeuchtet seine Lippen und schilt sich gleichzeitig gedanklich für diese widerlich menschliche Geste -- ein privater Luxus, den er sich nicht in der Gegenwart einer Heiligen des gelobten Pfades der Dunklen Erlösung erlauben kann.

"Es gab Unstimmigkeiten, das ist korrekt, Bischof Danilova. Es gab Fehler in der Vergangenheit. Unsere Informanten innerhalb der Camarilla, haben an Zuverlässigkeit verloren. Doch die Schwachstelle wurde beseitigt. Die Prophezeihung Eures Rekruten wurde schließlich doch erfüllt und der Fürst für die Nacht seines eigentlichen Amtsantrittes mit einem Bann der Krankheit belegt für die Sünde der Arroganz."

Die Tzimisce nickt andächtig.

"Das Zeichen ist gesetzt. Das Wasser ist den Fluß hinuntergegangen und der Zyklus des Schwarzen Tierkreises hat begonnen. Die Verräter, die Hunde der Ahnen, werden für ihre Lügen bestraft werden, die sie erzählt haben. Möge der, der das Symbol erkennt, verstehen und fliehen vor der Macht des Heiligen Sabbat. Die Zeit der Gnade ist nun vorbei. Verfahrt wie es Euch beliebt, Duktus von Gleistenberg."

"Dann ist es Zeit, einige alte Gefallen beim Feind einzufordern, Euer Exzellenz."

Thomas erwacht und sieht zwei seiner Peiniger im vertrauten Gespräch miteinander. Im Stillen betet er zu einem Gott, an den er nicht glaubt, um Erlösung. Doch die Diskussion scheint beendet und die beiden wenden sich ihm mit beängstigender Synchronizität zu.

"Habt Ihr heute nacht schon gespeist, Euer Exzellenz?"

Thomas findet heraus, dass man auch ohne Mund noch schreien kann
 

Kategorien: Sessionbericht
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