TageBuch20040429

29.04.2004: Am Vorabend der Schlacht


Ich liege auf dem Chaiselongue in meinem Wohnzimmer. Drinnen dröhnen die Lautsprecher meines CD-Players mit den Klängen des Feuerrequiems. Neben mir liegt die Opiumpfeife bereit, mir wenigstens über den kommenden Tag die Träume zu ersparen. Draußen sterben die Sterne.

Ich habe Angst. Nicht die Furcht davor, morgen zu sterben, wenn wir uns dem Sabbat entgegen werfen. Nein. Ungerichtete, panische, namenlose Angst.

Vor wenigen Stunden noch das Gespräch mit ein paar anderen Neonaten im Café am Ufer. Wie ich sie hasse und doch liebe. Nikolas und sein fatalistisches Brüten. Nina, die sich in Verschwörungstheorien ergeht, um über ihre Unsicherheit hinwegzutäuschen. Neshaid, der in seinem Hurra-Patriotismus für seinen Clan und die Camarilla kein Zweifeln zulassen kann oder will. Peter, der so verdammt arrogant ist, als gäbe es nichts auf der Welt, was ihm gefährlich werden könnte. Und schließlich Liana. Liana, die ich erst so kurz kenne und die in ihrer Warmherzigkeit schnell mehr geworden ist, als nur eine kurzfristige und kurzweilige Gespielin.

Und morgen wird es egal sein, wer wir sind oder wie wir uns dem Problem stellen. Morgen werden wir in einen Krieg ziehen, der nicht der unsere ist.

Namenlose Fußsoldaten einer monolithischen Organisation, die gegen namenlose Fußsoldaten einer anderen monolithischen Organisation antreten. Wir sind nichts mehr als eine Statistik.

Wie hat das Neshaid doch gleich ausgedrückt? Die Parameter menschlichen Leids ergeben in großen Mengen nichts mehr als ein vernachlässigbares statistisches Mittelmaß.

Ich bin keine Statistik. Ich will keine sein.

Doch niemandem wird es irgendetwas bedeuten. Nur ein paar weitere Neonaten, die 'heldenhaft' als ewige namenlose Soldaten in die Annalen der Geschichte eingehen. Es ist so schrecklich bedeutungslos.

Nie habe ich mit einem dieser mysteriösen Feinde ein Wort gewechselt. Ich habe keinen Streit mit irgendeiner Person und schon gar nicht mit dem Sabbat, den ich nicht einmal kenne. Aber sie hassen uns und wir haben den ach so heiligen Auftrag sie auch zu hassen.

Aber was ist mit der großen Camarilla? Was ist mit dem Justikar, der den Nosferatu Genozid an meiner Familie gutheißt und den Meuchelmord der Gangrel an den Potsdamer Ahnen sanktioniert, aber gleichzeitig davon faselt, was für ein schrecklicher, hassenswerter Feind der Sabbat sei? Was mit einem Fürsten, der nicht einmal Beileidsworte findet, wenn seine Amtsvertreter schrecklich verstümmelt werden, während sie ihren Dienst tun? Mit einem zerstrittenen, rechtlosen, korrupten Senat, der als demokratische Fassade für eine Schattenregierung dient, die einzig und allein für die Mehrung der persönlichen Macht ihrer Hintermänner arbeitet? Mit Ancillae die mit den Neonaten – den mündigen, selbstständigen Mitgliedern der Gesellschaft -- den Boden aufwischen und sie benutzen wie Ghule? Mit Neonaten, die wie blinde Kinder leben, anstatt ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen?

Dafür soll ich morgen sterben?

Oh ja, ich habe Angst. Angst, dass ich morgen vergehe, wie eine Motte im Licht. Vergehe für sinnlose Ziele und hohle Phrasen. In Leid sterbe nach einem Leben, dass der Liebe und den schönen Dingen gewidmet war.

Angst auch, dass ich überlebe und dass die, die ich liebe, sterben werden.

Angst, dass wir vielleicht das Unrechtssystem sein könnten und auf der gänzlich falschen Seite der Geschichte stehen.

Angst, dass ich, der letzte meiner Art, morgen vergehe und das Erbe jener, die vor mir kamen, sinnlos vergangen ist.

Ich habe Angst vor den Schmerzen, die eine Kugel, ein Schwertstreich, ein Brandsatz bei mir erzeugen wird.

Aber vor allem habe ich Angst, dass nach morgen Abend, dass Leben einfach so weiter geht, als wäre nichts passiert.

Der Mond geht Sonnabend wieder auf und wir haben die Feinde grausam abgeschlachtet. Danach trifft man sich dann wieder bei einem Glas Wein und lockerer Konversation und leugnet, wie sterblich und wie schwach wir Vampire sind.

Geschichte wiederholt sich eben immer und wir sind Meister im Vergessen; wie der Mond, sind unsere Erinnerungen nur die blassen Reflektionen tatsächlicher Helligkeit und unsere perfekte Maskerade wird dafür Sorge tragen, dass wenn die tot sind, die uns persönlich kennen, niemand unserer mehr gedenken wird.

Ich möchte es der Welt zurufen: Mein Name ist Manuel von Meinhardis. Irgendwann hat das mal etwas bedeutet. Bitte erinnert euch. Es gibt mich nur einmal und wenn ich tot bin, ist alles was ich je gedacht, je gesagt oder je getan habe absolut wertlos geworden.

Aber niemand hört zu.

Dies ist der Vorabend der Schlacht. Ich habe Angst.

Und es bedeutet nichts.
 

Kategorien: Sessionbericht
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