TageBuch20060527

27.05.2006: Konklave und Maskerade


Klar gab es in den letzten Wochen viele Spekulationen, wer und was hinter dem Anschlag auf VeraCorreas Ghul stecken mochte und was uns die wenigen Zeilen auf dem Zettel sagen wollten.

Fast die halbe Domäne war dem Aufruf nach Teutoburg zur Konklave gefolgt, nur der Fürst, Lord Singh und Aristide Gillette verließen die Stadt nicht. Der eine wohl aus Prinzip, der Andere, weil ihn das Spektakel nicht interessiert, und der Dritte aus Schuld gegenüber dieser Stadt, denn am selben Abend, an dem die Verreisten das Urteil der Konklave bilden, sollte sich die Prophezeiung des 22.04.06 erfüllen. Wie sie aussah -- wir werden davon erfahren.

Eine mehr als seltsame Konklave. Bereits im Vorfeld war spekuliert worden, was denn eigentlich der Grund für die Einberufung war. So richtig rausfinden konnte das keiner, denn irgendwie schien nur die Situation in Magdeburg Thema zu sein -- und das ist nun wirklich nicht wichtig genug, um gleich eine Konklave einzuberufen, oder? Nunja, wer bin ich, den Justikar zu hinterfragen?

Eines ist mir auf jeden Fall gut in Erinnerung geblieben: es war kalt und naß. Vielleicht bin ich einfach noch nicht lange genug tot, um nicht mehr zu frieren. Die scheinbar stundenlangen Plädoyers pro und contra Cornelius Liudolfinger, die ebenso stundenlangen wie häufigen Pausen, das zog sich endlos durch eine Nacht aus Eis und Regen.

Plötzlich klingelte das Telefon der Berliner Geißel. Er sieht die Nummer und stürzt, indem er fast den Stuhl umkippt, aus der Versammlung. Alle Blicke folgen ihm. Einige scheinen zu ahnen, dass dies nichts gutes zu bedeuten hat. Er redete aufgeregt, dann legte er auf und stürzte auf nichts weiter achtend an den Tisch der Ahnen, um Arcangelo Diachiami, der ihm bereits mit Argusaugen folgte, zu sprechen. Mittlerweile war Stanislav Pjotronov aufgestanden, verfolgte das Spiel, ebenso Gräfin Sophie Madeleine Salentin de Bouvoire.

Alburn hat mir richtig leid getan, als er den Inhalt des Anrufs an Corelli weitergeben mußte: Corellis Gesicht verfinsterte sich. Innerhalb von Sekunden wirkte es total entstellt, und ihm entglitten so laut wie sonst nie die Worte "Wie konnte er nur ... ?!" Aber schnell beruhigte sich die Situation. Der Alte ist wohl völlig ausgerastet als er die Nachricht erfuhr -- immerhin eine Abwechslung. wenn auch äußerst beängstigend.

Unser Traditionskiller, der fünf Wochen zuvor einen Ghul mit dem in die Brust geschnittenen Wort "Gastfreundschaft" in unsere Runde geschickt hatte, hatte sich entschlossen, diesmal die Maskerade zu brechen. Wegen ihm waren einige sehr kampfstarke Leute in Berlin geblieben, aber der Killer hat uns ausgetrickst. "Potsdamer Platz, halb zehn", klar. Halb zehn morgens! Eine Frau war am 27. Mai 2006 um 09:30 Uhr morgens in ein Geschäft am Potsdamer Platz gefahren. Danach war sie scheinbar unverletzt aus dem Auto gesprungen und in die beliebte Einkaufspassage gerannt, wo sie die frühen Bummler mit wildem Geschrei über übernatürliche Wesen, die unter Ihnen lebten und alles lenkten, verschreckte. Sie hatte sich gegen Versuche der Sicherheitsleute zur Wehr gesetzt, die Situation zu beruhigen, doch letztlich wurde sie überwältigt und in eine Nervenklinik überführt. Den Anruf bekamen wir punkt halb zehn abends, als alles schon längst seinen bürokratischen Gang genommen hatte.

Natürlich wurde gleich die Ahnentaktik angewandt, möglichst niemandem zu erzählen, was passiert ist, so daß die wildesten Gerüchte die Runde machten.

Wir erfuhren später, daß auch Sie einen Zettel bei sich hatte:
24. Juni 2006; 09:30 Uhr; Keller

Uns blieb nichts anderes übrig, als nach der Konklave sofort nach Berlin zurückzufahren und da die Scherben der Maskerade wieder zusammenzukleben, so gut es ging -- und abzuwarten, bis der Traditionskiller wieder zuschlägt.

Aber erst mußten wir uns das Problem mit Magdeburg anhören. Und die Harpyien ...

Es gab ein heiteres Namenraten mit den Harpyien, die ein paar verdiente Mitglieder der Gesellschaft öffentlich lobten, was aber zwischen Geplauder und Applaus etwas unterging. Und eigentlich war es das dann auch schon, alles weitere waren kleine Geplänkel zwischen einzelnen Personen oder Clans, ein bißchen Zischen und Zähnefletschen.

Und was war das Problem in Magdeburg? Per Edikt eines Nosferatu-Ahnen, Cornelius Liudolfinger, den seit ewigen Zeiten keiner mehr gesehen hat, durften Gangrel die Domäne Magdeburg nicht mehr betreten. Sie taten es aber doch und wurden nicht hochkant wieder rausgeworfen; also beschlossen sie, gleich das ganze Edikt vor der Konklave anzufechten. Da Liudolfinger schon lange nicht mehr gesehen wurde, wurde seine Existenz auch gleich in Frage gestellt (wenn auch nicht so laut). Nach einem blendenden Vortrag durch William Allister-Thorne wurde es allerdings nur noch schlimmer. Fast alle der anwesenden Ahnen (Hagen, Arcangelo Diachiami, Thomas Malfort, Friedrich Leopold von Stein, Per Stenström und Ludovice Olivier LeNoir) unterstützten Thornes Plädoyer, da hätte es doch nun wirklich nicht den etwas wirren Vortrag von Fürstin Barbara Hopster und den äußerst peinlichen Vortrag der Marosa-Schwestern gebraucht. Immerhin, der Aufschrei "Marosa! Krupp! Zu mir!" von dem Ventrue-Ahnen von Stein wird wohl für lange Zeit allen im Ohr bleiben -- laut genug war er.

Ach ja, ein Ergebnis des Ganzen ... unbefriedigend, zumindest aus Sicht der Gangrel, der Neonaten und eigentlich aller anderen: der Justikar wird sich mal mit Liudolfinger in Verbindung setzen und das Ganze unter vier Ahnenaugen klären. Naja, so richtig hatte natürlich auch niemand darauf hoffen können, daß ein Ahn der Nosferatu vor der Konklave abgekanzelt wird.
 


Maskeradebruch am Potsdamer Platz


Auf den Berlinseiten der Tageszeitungen kann man heute (bei Zeitungen ohne Sonntagsausgabe) und gestern (in den Sonntagsausgaben) diese oder eine ähnliche Meldung lesen.

Scherben und Aufregung am Potsdamer Platz

Berlin, 28.Mai 2006. Die Geschäfte hatten gerade erst geöffnet, als Verona Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ihren VW Passat in die Fensterscheibe des Zeitungskiosks an den Potsdamer Platz Arcaden fuhr. Augenzeugen berichten, sie sei dann sofort aus dem Wagen gesprungen, ihre Kleidung zerfetzt, und in die beliebte Einkaufspassage gerannt, wo sie die frühen Bummler mit wildem Geschrei verschreckte. Verona Schmidt wehrte sich gegen Versuche der Sicherheitsleute, die Situation zu beruhigen, mit Bissen, so daß Verona Schmidt gewaltsam entfernt werden mußte. Einer der Wachleute erlitt eine Halswunde, die in einem Krankenhaus behandelt werden mußte. Zwei Kunden des Zeitungskiosks erlitten leichte Verletzungen und -wie auch die Verkäuferin- einen Schock. Die geistig wohl stark verwirrte Verona Schmidt wurde noch am selben Tag in das Karl-Bonhoeffer-Nervenklinikum gebracht, wo sie von den Ärzten zur Stunde noch behandelt wird. Sie gilt als nicht vernehmungsfähig.

Kommentar der FAZ: Bisse und Elektroschocks

Thema Nummer eins des Wochenendes ist die Sicherheitslage zur Weltmeisterschaft 2006 nach dem schrecklichen Amoklauf an Berlins neuem Hauptbahnhof. Daß es auch anders geht, zeigte sich am Samstagmorgen ebenfalls in Berlin am Potsdamer Platz. Fast unbemerkt von der öffentlichen Aufmerksamkeit und an den Rand gedrängt durch die Berichte des Amoklaufes fanden sich nur wenige Meldungen zum schnellen Auflösen einer angespannten und potentiell gefährlichen Situation: Am frühen Morgen stürzte eine geistig verwirrte Frau in die Einkaufspassage, nachdem sie ihren Wagen in ein Geschäft gelenkt hatte, und fiel die Sicherheitsleute an, die sie beruhigen wollten. Es muß als Glücksfall gelten, daß der Berliner Senat für Inneres in den vergangen Wochen eine Sondergenehmigung zur Erprobung der Elektroschockwaffen der US-amerikanischen Firma Taser erteilte, die von der herbeigeeilten Verstärkung der angefallenen Sicherheitsleute genutzt wurden, um die junge Frau zu betäuben. Könnte ein normaler Täter in solchen Situationen oftmals durch Worte beruhigt werden, so gelten psychisch labile und unberechenbare Menschen als der Alptraum aller Sicherheitskräfte. Schon oft wurde von den Sicherheitsverbänden und -Lobbyisten beklagt, daß ihren Kräften zu wenig Mittel zur Verfügung stehen, um ihre eigene körperliche Sicherheit zu gewährleisten. Dieser erfolgreiche Einsatz kann vielleicht ein Umdenken bewirken. Leider jedoch wird die Politik nicht in der Lage sein, bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft eine bundesweite Ausnahmeregelung zu schaffen.

Kommentar des Tagesspiegels: Elektrischer Stuhl zum Mitnehmen

Nicht geholfen hätte den 35 Opfern des Amokläufers, wenn die Sicherheitsleute mit Tasern ausgestattet wären: Der Täter hat nicht am gut geschützten Hauptbahnhof zugeschlagen sondern im Umkreis des Bahnhofs, wo allein die Polizei für die Sicherheit der Berliner und der Berliner Gäste zuständig ist. Und ob die von dem Einsatz der Elektroschockwaffen der Firma Taser so sehr profitieren würde, ist auch fraglich. In Berlin sind seit Ende des Krieges 17 Polizisten im Einsatz tödlich verletzt worden. Das bedeutet wohl, daß die Deeskalationsstrategien der Berliner Polizei sehr wohl ausreichen, um mutmaßlich gefährlichen Menschen entgegenzutreten.

Immer wieder jedoch kocht aber die Diskussion hoch, doch ähnlich wie amerikanischen Sicherheitskräften auch hierzulande das Tragen der praktischen und angeblich nicht-tödlichen Taserwaffen zu erlauben.

Seit einigen Wochen wird ein Feldversuch im Sicherheitsbereich durchgeführt, der vom Berliner Senat für Inneres genehmigt wurde. Hierbei kommen erstmalig in Deutschland die angeblich nicht-tödlichen Elektroschockwaffen der amerikanischen Firma Taser zum Einsatz, die auch weiterhin bei Menschenrechtsorganisationen wie Medizinern schwer umstritten sind, da sie bei Herz-Kreislauf-Erkrankten Menschen durchaus tödlich wirken können.

Doch ihr Einsatz hat auch andere Gefahren, wie der vergangene Samstag zeigte, wo eine junge und geistig verwirrte Frau von den Sicherheitskräften mit dem Taser-Topmodell PlasmaShockX ausgeschaltet wurde: Nachdem sie aus der Betäubung wieder erwachte galt sie als nicht ansprechbar und in einem katatonischen Zustand. Offensichtlich hat der Elektroschock sie in der Nähe des Halses getroffen, wo die extrem hohe Spannung von bis zu 200.000 Volt zu einer Zerstörung von Nervengewebe im Rückenmark oder gar Gehirn geführt hat.

Aber nicht nur solche unglücklichen Treffer sind gefährlich: In den USA zeigen die Statistiken, daß ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Opfer solcher Waffeneinsätze durch Versagen des Herz-Kreislauf-Systems dennoch verstarben. Hinzu kommt, daß durch die Suggerierung, die Waffen seien 'nicht tödlich', die Hemmschwelle zu ihrem Einsatz sinkt. Die junge Frau vom Potsdamer Platz hätte sicherlich auch mit konventionellen Mitteln festgenommen werden können -- so muß sie vielleicht ein Leben lang die Folgen dieses Feldversuches tragen.

Sollten die Waffen eines Tages tatsächlich in Deutschland legal erhältlich sein, so werden uns noch ganz andere Schrecken erwarten. Vielen Menschen ist nicht bewußt, daß die angeblich unschädliche Wirkung dieser Waffen von nicht wenigen Menschenrechtsorganisationen als Folter betrachtet wird, werden sie eingesetzt, um kooperatives Verhalten z.B. beim Verhör zu erzwingen. Gar nicht vorstellen möchte man sich jedoch, wenn Täter mit solchen Waffen aufrüsten und die Sicherheitskräfte damit ausschalten. Oder: Welche Frau möchte dann noch durch einen Park gehen?


Kategorien: Sessionbericht
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