TageBuch20060715

15.07.2006: Rechenschaft


Für diesen Tag ist der nächste Bruch einer Tradition angekündigt. Die Observationen des Goetheparks vor Sonnenaufgang haben keine Ergebnisse geliefert, so daß die Vampire der Camarilla davon ausgehen mußten, daß die Tat nach Sonnenuntergang ausgeübt wird.

Peter Hoffmann, Shabana Kanduri, LFLilienfein, Lucius und Neshaid Hakim Al-Assam versammelten sich, um den Park auf Spuren des Täters abzusuchen. Schon nach kurzer Zeit entdeckte Shabana Kanduri die mutmaßliche Täterin, die über ihr Opfer gebeugt gerade zu Werke ging. In dem darauf folgenden Tumult kam es zu Handgreiflichkeiten und Verletzungen und endete mit der vollständigen Bewegungsunfähigkeit der Täterin. Das Opfer konnte nicht mehr gerettet werden, doch hatte es den Schriftzug Rechenschaf-- in die Brust geritzt. Es sollte erschaffen werden, um den Bruch zu vollziehen -- und die Artgenossen haben es verhindert. Zum ersten Mal konnten die Artgenossen dem Traditionsbrecher zuvorkommen.

Die Artgenossen bereiteten alles für ihren Aufbruch vor, als plötzlich mit dem Zusammenbruch von Neshaid Hakim Al-Assam die Welt aus ihren Fugen geriet. Allen fiel die Bewegung, die Kontrolle ihres Körpers und ihres Geistes zunehmend schwerer, bis es ihnen unmöglich wurde, ein Körperteil zu bewegen, einen klaren Gedanken lange zu halten. Über Stunden hielt dieser Zustand an -- und endete auch nicht mit dem Aufgang der Sonne. Panik brach in jedem einzelnen aus, die Strahlen der unbarmherzigen Sonne suchten sich ihren Weg durch das Blattwerk, krochen über die Körper der bewegungs- und hilflosen Vampire und -- taten ihnen gar nichts!

Die Sonne stieg immer höher. Das Tier in den Vampiren schrie immer lauter auf vor Angst und erreichte doch nichts. Menschen kamen in den Park und nahmen keine Notiz von den Vampiren, schritten gar --gefolgt von einem Schauder, einem Frösteln-- durch die Körper der Vampire. Hunde bellten die 'leeren' Stellen an, wo die Vampire standen und knurrten, ein kleines Kind fiel vor einem Vampir auf die Knie und fing an zu weinen, als sein Blick auf das 'Gesicht' der Bestie wanderte. Und doch gab es niemanden, der bewußt sagen konnte, daß dort etwas ungewöhnliches vorgefallen sei.

Als die Sonne unterging und die Panik nachließ, als die Hoffnung aufkeimte, daß dieser Spuk bald zu Ende sei -- passierte nichts. Weiter verharrten sie in ihrem Zustand, gefangen in einem Augenblick, während die Welt um sie herum dem normalen Fluß der Zeit folgte. Stunde um Stunde verging. Vollkommen unerwartet nahm dann die Zeit wieder ihren normalen Lauf, Gefühl und Gedanken kehrten wieder zurück. Verwirrt und verstört suchten sie nach Orientierung, bis dann der Anruf kam: "Wir haben einen der Okkultisten. Es gab einen Mord, und er ist der Täter. Er wird uns in wenigen Minuten zur Vernehmung überstellt."



Es war bekannt, daß einige Artgenossen im Goethepark dabei waren, den nächsten Bruch der nächsten Tradition zu vereiteln. Eine gewisse Anspannung hatte sich unter der untoten Bevölkerung der Stadt breitgemacht. Alle warteten sie auf eine Nachricht, ob der Einsatz erfolgreich war oder ob der Täter wiedereinmal den Vampiren der Kamarilla einen Schritt voraus war.

Doch dann geschah etwas. Völlig unerwartet. Gegen Mitternacht fiel Dir auf, daß Dir immer schwerer fiel, Dich zu bewegen, der Körper gehorchte Dir nicht mehr, Deine Gedanken wurden immer schwerfälliger. Unabhängig von dem, was Du tatest, glitt Deine Existenz aus der Wahrnehmung der Welt um Dich herum. Menschen schienen Dich nicht wahrzunehmen.

... unberührt durch die Zeit ...

Kurz schoß diese Zeile durch Dein Bewußtsein, doch entglitt sie Deiner Aufmerksamkeit wieder.

... verborgen vor sterblichen Augen ...

Sterbliche schritten durch den Raum, den Dein Körper kurz zuvor noch eingenommen hatte, ohne etwas von Deiner Anwesenheit zu merken.

... unsterblich, unverwundbar, unempfindlich ...

Nie zuvor hast Du so etwas erlebt, nie zuvor kamst Du Dir so verletzlich vor -- und doch sollte das Schlimmste erst noch kommen: Stunde um Stunde verging, der Sonnenaufgang rückte immer näher und mit dem ersten hellen Schimmer am Horizont erwachte in Dir etwas, daß Du sonst zu unterdrücken suchst. Keine Anstrengung von Dir konnte das Geschrei der Bestie, ihre Angst unterdrücken. Die Panik vor dem Sonnenaufgang, vor der Sonne erfaßte Deinen ganzen Geist. Dann kamen die ersten Sonnenstrahlen, gleißende Helligkeit erfaßte Dich, durchdrang Deinen Körper ...

... und berührte Dich doch nicht. Doch der Bestie war dies gleich. Über Stunden nahmst Du durch den Schleier des Rötschrecks wahr, wie kein Sterblicher sich Deiner Existenz bewußt wurde, wie die Sonne in quälender Langsamkeit über den Himmel schlich, wie verloren Du in dieser Welt des Lebens bist.

Als die Sonne den Horizont im Westen berührte, spürtest Du, daß die Bestie so etwas wie -- Hoffnung verspürte. Doch der Spuk war nicht vorbei, weiterhin reglos stecktest Du in Deiner mißlichen Lage, unfähig klare Gedanken zu fassen oder auch nur die kleinste Faser Deine Körpers zu bewegen. Eine Stunde verging, eine zweite tat es ihr gleich. Doch in der Mitte der dritten Stunde nach Sonnenuntergang änderte sich wieder etwas: Gefühl kehrte zurück, die Gedanken nahmen wieder Fahrt auf -- und der Körper wurde aus seiner Starre entlassen.

Die Nacht des 16.7.2006 beginnt mit dem Schrecken der Erlebnisse des Tages. Erschöpft und entkräftet beginnst Du Dich zu orientieren. Doch irgendwann kommt ein Anruf, eine Nachricht, oder Du fragst selbst nach -- und erfährst: "Die Tat konnte vereitelt werden, das Kind wurde gefangen. Aber: Wir haben einen der Okkultisten. Es gab einen Mord gegen Mitternacht, und er war der Täter! Wir lassen ihn in den Jugendklub bringen!"
 

Kategorien: Sessionbericht
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