TageBuch20060716

16.07.2006: Verhör


Der Tag neigt sich dem Ende -- ja, Ihr lest richtig -- der Tag ... denn diese Nacht war wohl die schrecklichste Nacht meines bisherigen Unlebens. Ich muss mich sammeln, klare Gedanken zu fassen, fällt immer noch schwer. Letzte Nacht blieb wohl für mich - Nur für mich? - die Zeit stehen und ich verbrachte den Tag nicht in einer sicheren Zuflucht, in die kein Sonnenstrahl je Einlass finden würde, sondern mitten auf einer Straße. Auf einer Straße, auf der bereits kurz nach Sonnenaufgang Menschen ihren Weg zur Arbeit suchten. Sie schritten durch mich hindurch, als würden Sie mich nicht bemerken.

Sie haben mich nicht gesehen, nur ein Frösteln schien sie zu durchlaufen.

Nach Stunden im Kampf mit mir, mit mir und meinem Tier, bemerkte ich für einen kleinen Moment, dass sich die Sonne wieder dem Horizont näherte. Die Hoffnung erwachte. Ein kleiner Funke, der aufflammte und fast verlosch, als bereits die Sonne seid Stunden den Himmel verlassen hatte und nichts passierte.

Dann plötzlich, schien alles vorbei.

Ich fand mich weiterhin auf der Straße, bemerkte die Blicke einiger Menschen, die mich irritiert zu mustern schienen und konnte mit ein wenig Anstrengung meinen Weg fortsetzen. Kaum dass ich die Straße immer schneller werdend verließ und in der Menge der Nachtschwärmer unterzutauchen versuchte, klingelt mein Handy. Das Display zeigte Aristide Gillette "Die Tat konnte vereitelt werden, das Kind wurde gefangen. Aber: Wir haben einen der Okkultisten. Es gab einen Mord gegen Mitternacht, und er war der Täter! Wir lassen ihn in den Jugendklub bringen! Komm dahin".

Ich brauchte ca. eine Stunde und mein Blick in die Runde zeigte mir, dass nicht nur ich Schreckliches durchlebt hatte. Aristide Gillette zum Beispiel, schien mehr als mitgenommen und als habe er Bekanntschaft mit einem Brückenpfeiler gemacht. LfLilienfeins Gesichtsfarbe glich eher einer weißgetüchten Wand und Viktor Gideon Alburn konnte der nun folgenden Nacht scheinbar nur mit Hilfe eine Talismans einigermaßen ruhig überstehen.

Seit dem letzten Jahr wurden wir nun bereits von einem okkulten Zirkel geplagt, doch bis zur heutigen Nacht konnten wir keinen direkten Kontakt herzustellen. Nun saß in ihrer Mitte ein junger Mann, klaren Verstandes, mit einer Dreistigkeit und Frechheit, die mir abermals den Atem raubte.

Er habe Max Vollenberg getötet, der seine Mitstreiter und ihn nur mißbraucht hätte. Mißbraucht für seine Rituale und nicht nur mit dem Ziel, die Unsterblichkeit zu erlangen. Im Austausch für seine Kooperation verlangte er dumm, leichtsinnig und geblendet von Geschichten der einfachen Unsterblichkeit, die Aufnahme in unsere Mitte. So ist es für WvMiller ein Leichtes, ihn zu überzeugen, dass er hierfür, als 'erste Anzahlung', sein Blut trinken muss.

Sicher, dieses Handeln führte ein weiteres Mal zu Diskussionen, ist doch schon mehr als genug geschehen. Doch keiner hat tatsächlich eine bessere Idee, als dass er nach der Vollendung des Bundes als Spion dienen soll ... so ging er mit Wilhelm von Miller, um Begonnenes zu Ende zu führen.
Ganz am Rande und von nur wenigen bemerkt, verliefen die Ermittlungen hinsichtlich das Traditionsbrechers. Die Tat wurde vereitelt, hatte Aristide Gillette am Telefon gesagt. Die neue Nachricht wurde unbemerkt von fast allen entschlüsselt. Sie lässt nur eine Vermutung zu, dass Fürst Hans Kohlhase oder sein Besitz das nächste Ziel des nächsten Traditionsbruchs - Domäne oder Vernichtung - sein wird:
29. Juli; 11; Pferdekoppel


Polizeiwache


16.7.2006, 0 Uhr 45

Kleine Dampfwölkchen lösten sich von der Oberfläche der heißen, dunklen Flüssigkeit in den beiden Pappbechern. Wie auch die Becher davor, wird ihr Inhalt, einmal kalt geworden, den Weg in den Abfluß finden. Der Besprechungsraum war karg eingerichtet wie die meisten Räume in Behörden: Zwei einfache Tische, zusammengeschoben, damit sechs Stühle darum herum gestellt werden konnten. Ein Tageslichtprojektor stand unbenutzt und ein wenig eingestaubt in der Ecke herum, das Stromkabel sorgfältig um ihn herum gewickelt. In einer der hinteren Ecke war ein einfaches Waschbecken an der Wand. An einer anderen Wand war ein Whiteboard, ein Smiley rechts unten in die Ecke geschmiert. Mit Magneten waren Photos von einigen Grafittis an dem Whiteboard befestigt -- die langweilige Arbeit von gelangweilten Gesetzeshütern. Der einzige Anwesende schaute sich zum wiederholten Male diese Bilder an, und überlegte sich, welche Aussage die 'Künstler' wohl mit den Worten "Motherfucker\'s Gang-Bang" wohl treffen wollten. Vermutlich keine.

Die Tür öffnete sich, ein hochgewachsener, schlanker Mann betrat den Raum. Der andere Mann wandte seine Aufmerksamkeit von den Bildern zum Eintretenden. Wie so oft bewunderte er ihn: In seinem Gang lag eine Energie, eine Kraft, die man von seinem Körperbau her nicht erwarten würde. Nicht Schnelligkeit, einfache Kraft, und man sie ihm an, daß er gelernt hat, seine Kraft unter Kontrolle zu halten, auch wenn er sie nicht verbergen kann. Sein Gesichtsausdruck wirkte wie so oft ein wenig verbissen, aber er kannte seine Sorgen, seine Verpflichtung. Er begrüßte ihn: "Und Martin? Haben wir endlich eine Nachricht?" Seine Worte besaßen einen leichten russischen Akzent.

Martin schüttelte geistesabwesend den Kopf -- eine Bewegung, die er schon sehr häufig gesehen hat: Den Blick am Gesprächspartner vorbeigerichtet, zwei kurze Bewegungen mit dem Kopf, danach streicht er sich eine Strähne zurück. Hier im Polizeiabschnitt 35 in Berlin gab es für die beiden nächtlichen Gäste nur Warten.

Martin setzte sich -- nicht zu seinem Kaffee, was ihm dann auch auffiel, dann setzte er sich noch mal um. "Weißt Du Juri, was ich an diesem Job am meisten hasse?" Juri kannte die Antwort schon, aber er schwieg. Stattdessen nickte er Juri zu, daß er fortfahren solle. "Das Warten! Dieses sinnlose, unproduktive Warten! Ich möchte jetzt dort draußen sein und etwas sinnvolles tun!" Jeder von Martins Sätzen klang wie ein Vorwurf an die Ungerechtigkeit dieser Welt. Es traf Juri schon, daß Martin bereits in so jungen Jahren den Pfad der Verbitterung zu beschreiten begann. Aber er konnte nichts dagegen tun.

"Wir könnten einen Deiner Kollegen fragen, ob er Karten für uns hat", schlug Juri vor. Er wußte, daß Martin nicht auf den Vorschlag eingehen würde, deswegen fuhr er fort: "Es ist wichtig, daß wir beide heute abend hier sind. Es ist auch wichtig, daß wir unseren Freunden die Gelegenheit lassen zu zeigen, daß sie etwas können. Wir können nicht immer alles für sie machen. Außerdem", führte er weiter aus, "wissen wir doch, daß Euer Chef sehen möchte, daß die anderen nicht nutzlos sind."

Martin verstand die Anspielung und seufzte hörbar. "Ja, ich weiß das. Das und all die anderen Gründe. Aber gefallen muß mir das nicht! Es ist nicht richtig, daß wir hier sitzen, Däumchen drehen und die anderen in dieser Gefahr allein lassen".

Juri lächelte. Die Gefahr von der Martin sprach, konnte so groß nicht sein. Nach allem, was sie wußten, mußten ihre Freunde kein gewalttätiges, psychopathisches Monstrum fangen -- sondern dessen Brut. Juri und Martin waren keine braven Polizisten. Juri war nicht der Gast von der Sankt-Petersburger Polizei, als der ihn sein Ausweis, der an der Jacke hing, ihn auswies. Martin war nicht der langgediente Gesetzeshüter, als den ihn seine Kollegen zu kennen glaubten.

Juri war in anderer Gesellschaft als Stanislav Pjotronov bekannt, Martin als Aristide Gillette. Ihre "Freunde" waren die Artgenossen, die sich gerade draußen im Goethepark befanden, wo sie dranwaren, den nächsten Traditionsbruch zu verhindern. Sie vermuteten, daß diesmal die Tradition der Rechenschaft gebrochen werden soll -- und es mit einem frisch geschaffenen Vampir aufzunehmen, ist nun wirklich nichts, wovor sich anerkannte Mitglieder ihrer exklusiven Gesellschaft fürchten sollten. "Gefahr, Martin?"

Martin blickte gereizt auf. "Ja, Gefahr." Er beruhigte sich wieder. "Oder auch nicht!" Martin sah Juri direkt in die Augen. "Ich hasse es, zur Untätigkei..." Martin beendete den Satz nicht. Der letzte Ton schien sich zu einer Ewigkeit auszudehnen. Juri erschrak, als er dies bemerkte, er wollte aufspringen, sein Körper reagierte jedoch nicht. In Martin brüllte die Bestie hervor, ob der Tatsache, daß auch sein Körper ihm nicht gehorchen wollte -- gefangen! Juris Bestie sah sein Gegenüber, wie es hilflos sich seinem Schicksal hingeben mußte, keine Möglichkeit sich zu wehren. Der Durst übernahm Besitz von Juri. Doch so greifbar nahe sein Opfer schien -- so unmöglich war es Juri, ihn zu erreichen.

So saßen sie an dem Tisch, der Kaffee dampte nur noch schwach, von draußen erklangen gelegentlich Schritte. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Tür, ein Polizist betrat den Raum und blickte sich um. "Niemand hier", rief er über seine Schulter nach draußen. Er ging zu den Bechern mit dem mittlerweile kalten Kaffee. "Hatten wohl nicht mal Zeit, ihren Kaffee auszutrinken." Als seine Hand Martin berührte und durch seinen Körper fuhr, zuckte er ein wenig zusammen. Er ergriff die beiden Becher und schüttete sie in den Ausguß.

Ein zweiter Polizist führte einen jungen Türken in Handschellen in den Raum. Der erste Polizist drehte sich zu ihm um. "Weißt, Du, ich finde es hier ein wenig ungemütlich. Schauen wir doch mal, ob 412 auch frei ist." Der zweite Polizist zuckte mit den Schultern und nickte dann.

Martin und Juri waren wieder alleine. Keiner der Polizisten hatte sie bemerkt. Man hat sie einfach nicht bemerkt!

So verging Stunde nach Stunde, und beiden wurde bewußt, daß der Sonnenaufgang nicht mehr allzu fern sein könnte, daß sie, selbst wenn sie sich wieder bewegen könnten, keine Zeit hätten, den tödlichen Strahlen der Sonne zu entrinnen. Angst stieg in ihnen empor, verstärkte die Panik der Bestie in ihnen und lähmte den Geist noch weiter, als er ohnehin schon war.

Als dann die Sonne über den Horizont kroch entflammte die Panik vollends. Kein Ausweg, keine Flucht, nichts, was sie jetzt noch retten könnte -- so dachten sie. Es milderte die Panik nicht im geringsten, als die Strahlen der Sonne sie berührten -- und durch sie hindurchgingen, als wären sie gar nicht da. Es ist ein Tag im Juli, keine vier Wochen nach der Sommersonnenwende. Die Tage sind lang. Und so begann ein Tag voller Panik ...

Als die Sonne unterging, ließ die Angst wieder nach, doch unbeweglich waren sie weiterhin. Wie zwei Pappfiguren saßen sie sich gegenüber, unfähig auch nur zu dem geringsten Gesichtsausdruck. Einige Sterbliche sind tagsüber in den Raum gegangen, habe sich an den Tisch gesetzt, doch keiner hat es lange dort ausgehalten -- irgendwie spürten sie wohl, daß in diesem Raum etwas nicht geheuer sei.

Die Stunden vergingen wieder einmal, der Geist benebelt von den Erfahrungen des Tages, die Bestie in heller Aufruhr. Die Hoffnung schwand, daß sich an ihrem Zustand irgendetwas ändern könnte.

17.7.2006, 0 Uhr 30

Doch dann, es muß kurz nach Mitternacht gewesen sein, löste sich der Bann von den beiden. Erschöpft vom Tage brach ihr Widerstand zusammen -- und die Bestie übernahm die Kontrolle! Juri packte den Tisch und riß ihn mit bloßen Händen auseinander und setzte zum Sprung auf Martin an. Mit unglaublicher Geschwindigkeit sprang er auf ihn los!

Martin wurde von dem heranspringenden Juri vom Stuhl gerissen und gegen die Wand geschleudert. Risse zogen sich von der Decke bis zum Boden. Dann spürte Martin, wie sich Juris Fänge in seinen Nacken bohrten, und das ekstatische Gefühl, mit einem Wesen auf intimste Art und Weise verbunden zu sein, wischte kurz alle Gedanken beiseite -- dann kamen die Demütigung der Gefangenschaft und der Überlebensinstinkt zu ihrem Recht. Mit aller Kraft riß Martin sich Juri vom Hals und schleuderte ihn quer durch den Raum. Juri blieb reglos an der Stelle liegen, doch als Martin bei ihm war versuchte er sich schon wieder aufzurappeln. Martin packte ihn mit beiden Händen -- und warf Juri aus dem Fenster auf den Hinterhof, durch die vergitterten Fenster. Dann sprang er hinterher, drei Stockwerke tief, und sein Knie traf zielsicher Juris Rückgrat. Mit einem leisen Seufzen entwich jede Kraft, jedes Leben aus Juri. Der kalte Schlaf hielt ihn jetzt gefangen.

Martin beruhigte sich und schaute hinauf. Er sah, daß er einen großen Teil der Wand ebenfalls mit hinausgerissen hatte, Trümmer lagen überall zu seinen Füßen. Er erschrak kurz ob der Zerstörung, die ihn umgab. Dann rasten seine Gedanken, wie er das alles hier erklären sollte. Erstmal mußte er mit Juris Körper weg, irgendwohin. Sein Wagen stand glücklicherweise nicht vor der Wache sondern einen Block weiter. Er warf sich Juris Körper über die Schultern und verschwand zwischen zwei Büschen, suchte sich seinen Weg durch die Hinterhöfe und brach notfalls auch eine Tür auf.

An seinem Wagen angekommen verstaute er den Körper im Kofferraum. Dann griff er nach seinem Telefon und wählte die Nummer von Salm-Kyrburg -- er wird das schon irgendwie hinbiegen können. Leider ging nur ein Sekretär ans Telefon, der Martin vertrösten mußte -- er werde sich aber umgehend bei ihm melden, sobald Gelegenheit dafür sei. Martin bedankte sich.

Ohne weiter nachzudenken, setzte er sich hinter\'s Lenkrad und fuhr los, in die Zuflucht, die ihm Alburn zur Verfügung gestellt hat, quer durch die Stadt.

Er war gerade an dem Krematorium angekommen, als sein Telefon klingelt. Na endlich, das wird doch wohl Salm-Kyrburg sein, dachte er sich. Doch die Stimme am Telefon war nicht von dem alten Ventrue. "Martin? Hy, wie geht\'s?" Eine Frage, die Martin gerade jetzt am liebsten sehr ausführlich und auch persönlich beantwortet hätte.

"Ja, Richard, es ist gerade echt ungünstig ...", setzte Martin an, doch wurde er unterbrochen.

"Ja klar, ist schon gut. Ich mach\'s auch kurz: Du wolltest doch wissen, wenn etwas in der Gothic-Szene los ist. Es gab heute nacht einen Mord und wir haben den Mörder. Dachte, dich würd\'s interessieren ..."

Kategorien: Sessionbericht
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