TageBuch20060905

5.9.2006: Böses Erwachen


Aristide Gillette war nicht ganz wohl. Noch nie, er wiederholte es in Gedanken, noch nie war er zu so etwas eingeladen worden. Es ist -- irgendwie nicht richtig. Der Körper von Stanislav Pjotronov sah noch genauso aus, wie an dem Tag vor 6 Wochen, als er ihn mit zu sich nahm. Kein Zeichen des Alters -- nur unglaublich schlimm zugerichtet. Aber Aristide hatte keine Wahl, beide waren sie von ihren Bestien dazu gezwungen. Und er schuldete es Stanislav, irgendetwas zu tun, ihn wiederzuerwecken. Es ist zwei Jahre her, das wußte er, daß Stanislav aus einer mehrjährigen Starre erwacht ist. Drei Jahre oder so soll Stanislav geschlafen haben. Drei Jahre! Aber die Alternative befand Aristide als noch schlimmer: Von einem der alten Säcke gebunden zu werden. Er weiß, wie das ist. Aber nicht mit Stanislav. Gut, daß der junge Tremere Neshaid Hakim Al-Assam noch in der Schuld von Alburn stand; das war doch mal eine Verhandlungsbasis. Aufwecken sollten ihn die Tremere. In Ordnung, er hätte ihnen den Körper überlassen müssen, aber das Risiko wäre er eingegangen. Aber eine Einladung in das Gildenhaus von Haus und Clan Tremere? In Tempelhof?

Er fuhr zu der Adresse, die ihm Hakim gegeben hatte. Ein altes Anwesen aus der Gründerzeit stand zwischen Verwaltungsgebäuden und anderen alten Gründerzeitbauten. Das Tor stand offen, also fuhr er auf das Gelände und stellte den Wagen auf dem Parkplatz neben einem Motorrad ab. Hakims Motorrad, wenn er sich recht erinnerte. Hinter ihm, merkte er, schloß sich das Tor, leise surrten die Elektromotoren. Hier wird also auch nur mit Wasser gekocht, dachte er sich. Halb erwartete er, daß eine der steinernen Figuren zu unnatürlichen Leben erwachen würde, aber er wurde enttäuscht. Nur die Tür des Gebäudes schwang auf und Hakim kam heraus. Er hatte sein übliches T-Shirt, seine übliche Hose an.

"Hallo Ari! Du bist pünktlich. Fein!" begrüßte ihn Hakim.

"Hallo Hakim", antwortete Aristide knapp und ging zum Kofferraum. Dort lag, in ein großes Stofftuch eingewickelt, Stanislavs Körper. Er wuchtete ihn aus dem Wagen, hielt ihn kurz mit einer Hand, um den Kofferraum zu schließen und stieg dann die wenigen Stufen zum Eingang hinauf. Hakim folgte ihm und hielt ihn dann vor der Tür fest. Er sah Aristide tief in die Augen.

"Ich muß Dir noch ein bißchen was erklären, bevor Du reinkannst. Erstens: Laufe nie ohne eine Führung hier herum. Jetzt lass\' uns reingehen, damit wir keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen". Er ging vor Aristide durch die Tür.

Drinnen war die Luft ein wenig stickig, ein Kronleuchter erhellte die Eingangshalle. Links und rechts führten Treppen zu einer Galerie in der ersten Etage, unter der Galerie waren mehrere Türen, die in dunkle Flure führten. Die Wände waren bis auf Hüfthöhe mit Holz vertäfelt, ansonsten mit einer Tapete aus den 20er- oder 30er-Jahren tapeziert. Eine Untersuchungsliege stand bereit, und Aristide hielt darauf zu.

Hakim lächelte. "Genau dafür war sie gedacht. So! Wir müssen noch ein paar andere Sachen klären. Wie ich schon sagte: Keine Alleingänge. Das Haus ist ... sehr kompliziert, man kann sich leicht verlaufen. Es wirkt von außen auch nicht so groß, wie es von innen tatsächlich ist. Ich muß Dich bitten, unseren Anweisungen hier folge zu leisten." Aristide nickte grimmig. "Desweiteren möchte ich Dich bitten, Stillschweigen über alles zu wahren, was Du hier siehst, mitbekommst, erlebst, hörst und so weiter. Ist das in Ordnung?" Hakim nahm von einem Kleiderständer einen langen schwarzen Mantel und legte ihn sich an. Einen OP-Kittel schmiß er Aristide zu, der ihn geschickt fing.

"Mir bleibt wohl keine andere Wahl, oder?" Er zog den Kittel über.

"Eine Wahl hast Du immer. Aber Haus und Clan ist nicht sonderlich erfreut darüber, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden. Es ist ein Zeichen unseres Vertrauens in Dich und Deine Integrität, daß wir Dich hier empfangen. Wir haben leider nicht oft Gäste. Liegt wohl daran, daß die meisten sich immer daneben benehmen ... naja, was soll's!" Hakim ging zu der Liege. "Wir werden Stanislav gleich Blut abnehmen und es untersuchen. Wir müssen feststellen, wie stark das Blut sein muß, um ihn aufzuwecken. Da er aber derzeit kaum Blut im Körper hat, kriegt er erstmal welches von einem Sterblichen. Kannst auch selber probieren, wenn Du magst."

"Nein danke, ich glaub's Dir auch so! Wenn ich aber rausfinden sollte, daß Ihr ..."

"Jaja, ist schon gut. Weißt Du, wenn wir mit Euch irgendwas anstellen wollen würden, dann würden wir's nicht so plump machen. Haus und Clan ist sich sehr wohl des Wertes bewußt, den die Camarilla hat. Wir gehören zu den eifrigsten Verfechtern der Camarilla, schon vergessen?" Hakim wartete eine Antwort ab, bekam aber keine außer einem grimmigen Gesichtsausdruck. "Gut. Wir werden die Prozedur nicht hier durchführen." Er schob die Liege durch eine der Türen einen Gang entlang. Ein Bewegungsmelder bemerkte sie und schaltete die Beleuchtung ein. Hakim führte Aristide an mehreren Türen vorbei, dann um eine Ecke zu einem hell beleuchteten Operationssaal. Aristides Ausdruck verriet sein Erstaunen.

"Jepp, sowas haben wir hier. Eigentlich sind wir sehr modern ausgestattet. Hebst Du ihn mal auf den Tisch, bitte?" Der Tisch war ein OP-Tisch, aber kein Standardmodell, sondern ein Spezialanfertigung made by Haus und Clan, wie es ausschaute. An einigen Stellen waren mystische Symbole eingeprägt, aber beeindruckender waren die massiven Fesseln. Aristide schätzte, daß er sich nicht aus ihnen befreien könnte -- wie es aber mit Stanislav ausschaute, wußte er nicht. Er kam der Bitte nach und hob den Körper auf den Tisch. Hakim begann, die Fesseln um Stanislavs Arme und Beine zu schließen. "Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Bevor wir die hier hatten", er zeigte auf die Fesseln, "hatten wir mal einen 'Gast', der uns den OP verwüstet hat. War ein teurer Spaß. Hmm, ich hatte ihn irgendwie häßlicher in Erinnerung", bemerkte er, als der Körper vollständig von dem Tuch befreit war.

Er zog hinter einem Paravent einen Tropf hervor, vampirgeeignet mit einer kleinen Pumpe ausgestattet und einem großen Beutel Blut. In dem Augenblick kam Rene herein. Aristide kannte Rene von einigen Begegnungen, sie war eine Ghulin von Haus und Clan. "Guten Abend, der Herr", begrüßte sie Aristide und ging an ihm vorbei zu dem Tropf. Sie nahm die Ausrüstung und setzte fachkundig die Nadel an einer Vene an. Dann schaltete sie die Pumpe ein, die mit einem leisen Saugen und Stampfen, das Blut aus dem Beutel in die Adern drückte. "Herr Al-Assam, wenn der Beutel leer ist ..."

"... einfach den Powerschalter betätigen und den Beutel austauschen, ich weiß. Danke, daß Du hier warst. Ich hätte die Ader nie getroffen." Er lächelte sie an, als sie wieder ging. Der Beutel war schon zu einem Achtel geleert, als ihre Schritte verhallten.

"So, das Blut wird sofort zu seiner eigenen Vitae. Daß wir ihm mehr injizieren, als wir brauchen, liegt allein daran, daß wir keinen Brujah im Blutrausch durch unser Gildenhaus rennen haben wollen." Er prüfte den Füllstand des Beutels. "Fünf Liter wird er von uns kriegen, einen nehmen wir ihm wieder ab. Das sollte reichen. Wenn Du willst, kannst Du in der Eingangshalle warten, Du mußt nicht die ganze Zeit über hier sein. Wir haben auch ein paar Bücher rausgekramt, von denen wir glaubten, daß sie Dich interessieren könnten."

Die wirklich interessanten Bücher, habt ihr aber weiterhin verschlossen, nicht wahr? dachte er sich. Laut sprach er jedoch: "Nein, ich möchte hierbleiben. Wenn irgendetwas passiert, dann will ich da sein."

Hakim nickte. Als der Beutel leer war, schaltete er die Pumpe aus, wechselte den Beutel und schaltete die Pumpe erneut ein. Die Prozedur wiederholte er noch zwei weitere Male. Dann griff er nach einem versiegelten Behältnis, das mit einer dunklen, roten Flüssigkeit gefüllt war. Blut. Hakim griff mit dicken Handschuhen und einer Zange nach dem Glas und drückte es auf die Hand von Stanislav. Danach stellte er das Glas wieder ab und zerbrach die Versiegelung. Er schnupperte kurz daran, dann lächelte er und hielt das Glas Aristide unter die Nase. Der Geruch von Vitae, vampirischer Vitae füllte seine ganze Nase aus und etwas -- regte sich in ihm. "Na, Ari, wie riecht unser guter Freund denn so?" Er nahm das Glas wieder weg. "Ich bringe das Glas jetzt zu Herrn von Miller, um es zu klassifizieren. Ich bin in einer halben Stunde wieder da. Nicht vergessen: Keine Ausflüge durch's Gildenhaus. Ich will Dich nicht suchen müssen." Er ging zur Tür, hielt dort kurz inne und drehte sich nochmal zu Aristide. "Außerdem", fügte er zwinkernderweise an, "hat Cypher noch nicht getrunken." Dann ging er und ließ Aristide allein mit Stanislavs Körper im Licht des OP-Saals zurück.

Hakim hatte sich die letzte Bemerkung einfach nicht verkneifen können, aber es war auch egal, befand von Miller. Nach dem Bericht vom 11.3.2005 schien Aristide sowieso von Cypher zu wissen. Egal. Sollte er auch nur einen Gedanken daran verschwendet haben, irgendwoanders hinzugehen als Eingangshalle oder OP-Saal, dann war dieser Gedanke spätestens mit der Bemerkung ad acta gelegt. Er beobachtete Aristide noch einen Augenblick auf dem Monitor, wie er sich über Stanislav beugte und leise mit ihm sprach. Die empfindlichen Mikrofone fingen jedoch jedes einzelne Wort auf. Sentimentales Geschwätz. Erstaunlich was moderne Technik zu leisten vermochte. Er notierte sich in Gedanken, Al-Assams Motivation in dieser Hinsicht ein wenig zu dämpfen, sonst setzte er das noch irgendwann gar gegen ihn ein. Dennoch war er sehr zufrieden. Der Gedanken, jemanden unbeaufsichtigt im Gildenhaus zu haben, hatte ihm gar nicht behagt. Diese kleine technische Installation, wenn auch nicht von Dauer, beruhigt ihn aber ungemein. Es klopfte an der Tür.

"Treten Sie ein, Herr Al-Assam", forderte von Miller den jungen Adepten auf. Welch Schande! So begabt, aber leider auch so undiszipliniert. Er würde schon einen Weg finden, Al-Assams Begabung in produktivere, disziplinierter Pfade zu lenken. Noch ein wenig Beobachtung erforderte das jedoch.

Al-Assam betrat das Büro mit dem ehemaligen Gefäß der Übertragung. Die Reaktion von Herrn de Lesseps auf das Gefäß beunruhigte ihn jedoch. Er war nicht verwundert und hat keine Fragen gestellt. Offensichtlich kennt er einige Tremere-Interna. Anderseits ... es hat da ja vor einigen Jahren diesen Renegaten in Los Angeles gegeben. Herr von Miller beschloß, diese Angelegenheit zu gegebener Zeit zu untersuchen.

"Stellen Sie es bitte ab." Er nahm ein zweites Gefäß, schüttete zwei Drittel der Vitae hinein und überreichte es Hakim. "Versiegeln Sie es bitte! Ich erwarte sie in 15 Minuten wieder hier." Al-Assam verließ das Büro wieder. Herr von Miller nahm eine Pipette von seinem Schreibtisch, füllte sie mit dem Blut von Pjotronov, mischte es mit einigen anderen Substanzen in einen Kelch und begann die Inkantation. Es war ein einfaches Ritual, aufbauend auf der ersten Kraft des Pfades des Blutes, aber es ermöglichte weitaus mehr Einsichten als diese Kraft. Dafür war es nicht so mächtig wie das Ritual des Blutwandelns. Die andere Probe würde bei Gelegenheit mehr Wissen zutagefördern.

Nach der Beschwörung nahm er einen Schluck aus dem Kelch und schloß die Augen. In seinem Geiste setzten sich seine Erfahrungen mit seinen Geschmackseindrücken zusammen und bildeten ein Erlebnis von der Macht der Vitae, die er in den Kelch gegeben hatte -- die Magie tat den Rest. Er entwickelte den Eindruck von fünf weiteren Nachkommensgenerationen. Aber das war nicht alles. Es gab eine Anomalie, etwas Ungewöhnliches. Der Herr Pjotronov besitzt nicht --oder nicht mehr?-- die Fähigkeit, Nachkommen zu zeugen, obwohl seine Vitae stark genug dafür ist. Merkwürdig.

Seine rechte Hand raste mit einem Bleistift in der Hand über ein Blatt Papier, ohne daß er die Augen öffnete. Er hielt jeden Eindruck fest, den er durch die Magie erhielt. Er verstärkte gar seine Sinne, um auch jedes noch so kleine Detail wahrzunehmen. Es gab wohl eine Art von Bruch in der psychologischen Komponente des Subjekts. Etwas, was nie richtig verheilt ist. Vielleicht eine Diablerie? Unvollständig über soviele Jahrzehnte? Seine Aura zeigte nichts dergleiche, das wußte er aus den Berichten, die ihm vorlagen. Leider ergab sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten, mit dem Abstieg des Brujah-Sowjetreiches, die Möglichkeit, die dortigen Blutlinien zu erfassen. Eigentlich ein Glücksfall, würde er an Glück glauben, daß sich dieser Brujah jetzt auf dem Silbertablett präsentierte.

Die Viertelstunde schien um zu sein, denn Al-Assam betrat das Büro. Von Miller öffnete wieder die Augen und überflog rasch die Notizen. Kein Fehler, wie immer. Sie hatten wohlweislich drei verschiedene Blutproben angefordert, die ausreichen könnten, um einen in Torpor liegenden Vampir wiederzuerwecken, und es sah so aus, als sei Probe 3416, vernichtet vor acht Jahren, geeignet.

"Herr Al-Assam, nehmen Sie meine Notiz und Probe 3416 und führen Sie den Vorgang zu Ende. Ich werde in einer halben Stunde unten sein." Er überreichte das Blatt an den Adepten. Dieser stieß einen leisen Pfiff aus, als er las, was darauf geschrieben stand.

"Soll ich ihn darüber in Kenntnis setzen?" fragte Al-Assam.

"Ich sehe keinen Grund, der dagegen spricht."

Al-Assam verließ den Raum.

Hakim war ganz schön erstaunt. Fünf Generationen, ganz schön dickes Blut. Er selbst dachte daran, daß Haus und Clan ihm verboten hat, jemals einen Sterblichen zu einem der ihren zu machen. Sein Nachwuchs würde zu instabile Vitae haben. Alle, die noch zwei Generationen vom Ende des Fluchs entfernt waren, haben das gleiche Verbot auferlegt bekommen. Es gab zwar Gerüchte, daß einzelne sich nicht daran gehalten hätten, aber es gab auch gesicherte Erkenntnis über die Strafe, die dann folgte.

Er ging in den Keller, wo die Kühlräume lagen. Nicht daß die Proben einer Kühlung bedurften, es war einfach eine weitere Sicherheitsmaßnahme. Probe 3416 wurde gestern nacht angeliefert und gar nicht erst einsortiert, wie auch die anderen beiden. Diese würde er später noch einsortieren müssen. Er nahm die Probe mit einer Zange auf und machte sich auf den Weg in den OP.

Aristide wartete immer noch. "Was hat denn so lange gedauert?"

"Immer mit der Ruhe, ja, wir bereiten schließlich keinen Kindergeburtstag vor. Ich habe die Probe, um Deinen Freund wieder zurückzuholen." Er stellte das Gefäß ab und brach das Siegel. "Der Spender dieses Blutes hat wohl vor acht Jahren das Zeitliche gesegnet -- aber dank Haus und Clan stellt er uns heute das Blut zur Verfügung." Er nahm den Schlauch der Drainage ab, steckte ihn in das Glas und schaltete den Rückwärtsgang der Pumpe ein. Das Glas leerte sich in dem Maße, wie der Beutel sich füllte.

Aristide kam zwei Schritte auf Hakim zu. "Und woher, mein hilfsbereiter junger Freund, weiß ich, daß das stimmt? Daß Ihr ihn nicht einfach an Euch bindet?" Er baute sich bedrohlich vor Hakim auf.

Hakim wich einen Schritt zurück. "Jetzt mach mal halblang, ja? Du bist auf uns zugetreten und hast um diesen Dienst gebeten. Du hast mein Ehrenwort, daß wir keinen Blödsinn mit ihm machen werden, okay?"

Aristide ließ seine Drohkulisse fallen. "Das wollte ich nur nochmal hören."

Beide warteten darauf, daß der Transfer abgeschlossen war, damit Hakim damit beginnen konnte, Stanislav die Vitae zu injizieren. Als es endlich soweit war, klingelte der Apparat an der Wand neben der Tür. Hakim nahm ab. "Al-Assam hier!"

Er hörte kurz zu, dann antwortete er: "Ich wollte gerade den Schalter umlegen." Kurze Pause. "Bis gleich." An Aristide gewandt sagte er: "Herr von Miller wird uns gleich beehren." Es lag kein Spott, keine Ironie in seiner Stimme, wie Aristide es wohl erwartet hätte, wenn -- ja, wenn nicht Hakim davon ausgehen müßte, daß seine Worte mitgehört würden. Er würde später mit ihm darüber reden. Hakim schaltete die Pumpe wieder an, und langsam entleerte sich der Beutel in Stanislavs Adern. Von Miller betrat den OP.

"Guten Abend, Herr de Lesseps." Er begrüßte Aristide mit einem Händeschütteln.

"Guten Abend, Herr von Miller."

"Wie ich sehe, läuft alles planmäßig?" Es war zwar eine Frage, ließ aber keinen Zweifel, daß es sich um eine Feststellung handelte.

"Ja, Herr von Miller. In zwei, drei Minuten sollten wir mit ersten Reaktionen rechnen können."

Aristide dachte sich, daß er so eine Auskunft wohl nicht erhalten hätte. Andererseits -- die beiden Tremere führten hier ein Theaterstück für ihn als einzigen Zuschauer auf. Naja, sollten sie.

Nach vier Minuten passierte immer noch nichts. Die drei schwiegen, bis Hakim die Stille unterbrach: "Eigentlich sollte langsam was geschehen ..."

"Herr Al-Assam, das Einsetzen der Reaktion kann zwar jetzt schon stattfinden, es kann aber auch bis zu einer Nacht dauern. Wir sollten nicht ungeduldig sein."

"Herr Al-Assam hier hat mir versichert, daß diese Vitae, die sie Herrn Pjotronov geben, keinem lebenden Vampir gehört. Stimmt das, Herr von Miller?"

Herr von Miller hob eine Augenbraue, als er Aristides Frage hörte. "Haben Sie einen Grund zur Annahme, daß Herr Al-Assam sie anlügen könnte, Herr de Lesseps?"

"Nein, nein, nein, ich mache mir nur Sorgen, daß ..."

"Herr de Lesseps, warum wenden Sie sich an Haus und Clan Tremere, wenn Sie so wenig Vertrauen zu uns haben. Basis unserer Geschäftsbeziehungen ist Vertrauen. Das muß ich Ihnen doch nicht in Erinnerung rufen, oder?" Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: "Herr Pjotronov wird an keinen Artgenossen gebunden, seien Sie versichert. Vor acht Jahren wurde der Spender dieser Vitae wegen Bruchs der Tradition der Vernichtung hingerichtet. Die Probe besaß für uns nur noch wissenschaftlichen Wert. Für uns ist das also eine Investition in die guten Beziehungen zwischen Ihnen und uns."

Aristide schwieg. Hakim jedoch zeigte aufgeregt auf Stanislavs Hand. "Seht! Es funktioniert!

"Natürlich funktioniert es", bemerkte Herr von Miller.

Stanislavs Finger krümmten sich und entspannten wieder, immer wieder. Dann schlug er die Augen auf, ein Brüllen entlöste sich seiner Kehle. Hakim zuckte zusammen und legte ein wenig mehr Entfernung zwischen sich und den Patienten. Herr von Miller betrachtete die Szene ruhig und unberührt, während Aristide an den Tisch herantrat.

"Ruhig, Stanislav, ganz ruhig. Du bist in Sicherheit ..."

Stanislav gab etwas auf russisch von sich, dann fing er sich und fragte grollend: "Wo bin ich? Warum bin ich hier gefesselt?"

Aristide antwortete: "Du bist bei Freunden. Gefesselt bist Du aus Sicherheitsgründen. Wir wußten nicht, in welchem Gemütszustand Du sein wirst, wenn Du erwachst ..."

Lauter und grollender unterbrach Stanislav ihn: "Wo. Bin. Ich?" Die Metallklammern am Tisch fingen an sich zu verbiegen.

"Stanislav, Du bist im Gildenhaus der Tremere in Berlin. Ich, Aristide, habe Dich hier hingebracht!"

Stanislav erschlaffte. Seine nächsten Worte waren kaum zu verstehen. "Du hast was gemacht? Zu den Tremere? Oh, Aristide, wie konntest Du nur ... ? Warum hast Du das gemacht?"

"Stanislav, bitte, versteh doch ..."

"Welchen Tag haben wir? Welches Datum? Und wie spät ist es?"

"Herr Pjotronov, wir haben den 5.September desselben Jahres. Sie lagen ungefähr acht Wochen in Starre. Es ist 23 Uhr 49. Wenn Sie sich soweit im Griff haben, dann können wir die Fesseln lösen. Haben Sie bitte Verständnis dafür, daß wir um unsere Unversehrtheit fürchten."

"Wer ist da noch? Herr von Miller? Jaja, ich habe mich unter Kontrolle. Ich werde hier niemanden etwas tun ..." ... außer Dir, Aristide, aber nicht hier. Wie konntest Du nur? dachte er den Satz zu Ende.

Herr von Miller ging mit wenigen Schritten an den Tisch, deutete zuvor jedoch noch Hakim an, den Raum zu verlassen: "Wir werden später über alles reden." Mit schnellen und zielstrebigen Handbewegungen löste er die Fesseln. "Spannen Sie sich bitte nicht so an, Herr Pjotronov. Es geht leichter und schneller, wenn Sie entspannen."

Stanislav folgte der Aufforderung. Endlich frei richtete er sich auf dem Tisch auf und rieb sich die Handgelenke. Seine Augen fielen auf Aristide, der dem Blick jedoch auswich. An von Miller gewandt sagte er: "Ich würde gerne gehen und nachdenken. Das war alles zuviel, um es einfach zu schlucken." Er schwang die Beine vom Tisch und setzte die Füße auf den Boden. Von Miller wollte ihn noch warnen: "Sie sind noch nicht völlig wiederhergestellt ...", als Stanislav auf dem Boden zusammenbrach. Ein Schmerzenslaut entfuhr Stanislav. Er nahm sein Bein zwischen beide Hände und mit einem lauten Knacken richtete er den Knochen, atmete mehrmals tief durch, bevor er einen zweiten Versuch unternahm.

"Sie können mich von einem Ihrer Ghule fahren lassen, oder?"

"Stanislav, ich kann doch ..."

"Laß gut sein, Aristide, nicht heute. Du hast mir bereits genug Schmerzen zugefügt. Herr von Miller?"

"Ja, das kann ich. Frau Lenoir wird Sie fahren. Sie sollten jedoch noch einiges wissen. Herr Al-Assam hat ein Schriftstück, das Sie interessieren könnte."

Stanislav Lippen verengten sich zu einem schmalen Schlitz, durch die er die Worte presste. "Was immer es ist, soll diese Lenoir mich darüber aufklären."

"Natürlich." Von Miller ging zu dem Telefon und drückte eine Taste. "Geben Sie Frau Lenoir die Notiz und schicken Sie sie zu mir."

"Stanislav ..."

"Aristide, hör mir zu! Ich hielt Dich für einen Freund, ich werde das aber nochmal überdenken müssen. Wenn ich Dir etwas zu sagen habe, werde ich mich bei Dir melden -- verstehst Du das?"

"Ich werde dann wohl besser gehen ..." Er zog den Kittel wieder aus, legte ihn über die Liege und verließ den Raum. Rene Lenoir kam ihm gerade entgegen, die ihm eine gute Nacht wünschte, und in der Halle traf er auf Hakim.

"Tut mir leid, Ari. Wenn ich irgendwas für Dich tun kann ..." Er ließ den Satz unvollendet.

"Nein, Hakim, aber danke. Ich denke, damit müssen Stanislav und ich allein klarkommen. Danke für Deine Hilfe. Ich bin sicher, auch Stanislav wird es bald verstehen."

"Wenn Du meinst ... aber mein Angebot gilt, vergiß das nicht." Er versuchte ein aufmunterndes Lächeln, was ihm aber eher schlecht denn recht gelang. Ari klopfte ihm kurz auf die Schulter, dann ließ Hakim ihn aus dem Gildenhaus.

Von draußen hörte man nur noch nach kurzer Zeit den anspringenden Motor und ein paar auf dem Asphalt quietschende Reifen.
 

Kategorien: Sessionbericht
There are no comments on this page.