TageBuch20061021

21.10.2006: Sophies Einladung


Eines muß man der kleinen Gräfin ja lassen, sie ist immer für eine Überraschung gut. Die farbenfrohe Blutpuppe mit dem kurzen Röckchen war doch ein wenig, nunja, außergewöhnlich. Aber sie hat die Atmosphäre sehr nett aufgelockert, das muß man zugeben -- deprimiert um einen Tisch rumzusitzen und um Viktor Gideon Alburn zu trauern, wäre reichlich wenig Beschäftigung für einen Abend gewesen. Und ein Mensch, der bei Thors Anblick laut "Ist der süß!" quietscht, das ist auch noch nicht allzu oft passiert! Nachdem Simon Lion seinem ziemlich lädierten Ghul Justin Becker und dem Blutpüppchen noch je einen Löffel Medizin mit drei großen Buchstaben (Lucy in the Sky with Diamonds) verabreicht hat und die ersten diese exquisite Mixtur getrunken hatten, wurden auch die Gäste ein wenig entspannter. Abgesehen von Leandra Feodora Lilienfein, die trotz der zunehmenden Ausgelassenheit aller um sie herum nicht über die Erinnerungen, die sie zu verfolgen schienen, hinwegblicken und sich entspannen konnte. Aber man hat sogar die Gräfin mit Herrn Wilhelm von Miller tanzen sehen, und es gibt Zeugenaussagen, daß dieser angesichts eines Tanzes der Gräfin mit ihrer danach etwas weniger bekleideten Blutpuppe sogar sein Halstuch abgenommen haben soll! Nach diesem Tanz verschwanden die beiden Sterblichen erst mal ins Obergeschoß, wo den Geräuschen zufolge wohl beide auf ihre Kosten kamen - trotz neugieriger Augen. Allerdings gab es danach leichte Verstimmung, als Thor unbedingt seine Tatze spazieren führen mußte und Stanislav Pjotronov darauf ein wenig allergisch reagierte. Aber hey, niemand gibt einem Brujah LSD und hofft, daß der davon friedfertig wird! Ein nettes Gerangel veranstalteten Simon, Stanislav, Thor und Alara Cunningham, bis die Tatze wieder weggepackt und Stanislavs Pistole beiseite geräumt waren. In der Zwischenzeit hatte das Blutpüppchen heimlich, still und leise den Heimweg angetreten, sehr zum Bedauern von Simons Ghul. Vielleicht wird sie uns ja noch öfter Gesellschaft leisten.

Dann war die Party vorbei, wenn auch nicht der Abend. Simon und sein Ghul schleppten gewaltsam eine schimpfende Frau in den Club. Angeblich hatte Justin sie schon häufiger dabei beobachtet, wie sie den Club beobachtet und auffällig häufig die Straße vor dem Club auf- und abgeht - ohne einem gewissen Gewerbe zuzugehören.

Auf die sanfte und doch so unwiderstehliche Nachfrage der Gräfin gab die Frau ihren Namen bekannt, Judith Freye. Zumindest Leandra und Simon hatten sie schon einmal gesehen, einige Monate zuvor im Lebmet, wo Leandra ein wenig frech vor lauter Neugier wurde und ihre Sachen in Augenschein nahm. Wieder unwiderstehlich bot die Gräfin ihrem unerwarteten Gast einen Stuhl an, sogar ein für Menschen geeignetes Getränk wurde beschafft. Allerdings wußte Frau Freye diese Freundlichkeit nicht zu schätzen, nachdrücklich verlangte sie die Herausgabe ihres Handys, das Simon konfisziert hatte, und ihre Freilassung. Als diesen Forderungen nicht entsprochen wurde, ließ sie dann doch die Maske fallen - nach einem kurzen beiläufigen Griff in ihre Handtasche schleuderte sie eine klare Flüssigkeit aus einem Behälter auf die ihr gegenüber sitzenden Vampire und ergriff die Flucht. Das schmerzerfüllte Brüllen von Simon Lion und ein Fauchen von Millers machten klar, daß es sich nicht um normales Wasser gehandelt hatte: Rauch stieg von Simons Körper auf, wo das Weihwasser seine Haut verbrannte!

Natürlich kam Judith nicht weit, nicht mit Stanislav auf den Fersen. Nun war keine Rede mehr davon, daß sie in der Gegend wohnt und nur zufällig am Koca vorbeigekommen war. Unter der nicht ganz sanften Führung von Thor und Alara - und mit der Drohung von mehreren um sie gruppierten Vampiren und einem vor Schmerz knurrenden Simon - gestand Judith ihre wahren Intentionen: Sie war der Prospektor der Inquisition, vor dem die Blutsverwandten gewarnt worden waren. Wobei, Inquisition ist das falsche Wort hier. Eine kleine Gruppe von Menschen, gruppiert um einen ominösen "Pater Andreas", zu ihren vampirischen Opfern geführt von Judith Freye, die aus unerfindlichen Gründen die Fähigkeit hat, Vampire als nichtmenschlich zu erkennen. Zielstrebig holte sich Leandra daraufhin die Handtasche der gefangenen Vampirjägerin und fand das Notizbuch, das sie schon vor einigen Monaten interessiert hatte. Namen, Beschreibungen, Autokennzeichen - vieles von Blutsverwandten, die nicht als Mitglieder der Camarilla bekannt waren, aber auch ihre eigenen Beschreibungen und die einiger anderer Camarillatreuer fanden sich. Endlich hatte sie ihren kleinen Beweis, dass sie doch nicht einfach nur unbegründet dieser Dame auf die Pelle gerückt war. Außerdem, und das war viel wichtiger, die Telefonnummern der restlichen drei Mitglieder der Jägertruppe und von Pater Andreas. Mit wenig Mühe brachte die Gräfin auch das Paßwort für Judiths Mailaccount aus ihr heraus, von dem aus sie Fotos und Berichte an Pater Andreas geschickt hatte. Dieser Account wird wohl in der Domäne noch für einige Arbeit sorgen -- und vielleicht nicht jedem gut tun. Auch die Wohnung der Sterblichen wird wohl noch in der gleichen Nacht unerwartete Besucher gesehen haben.

Dann stellte sich die Frage, was mit der Gefangenen geschehen sollte. Sie zu töten würde binnen kürzester Zeit die komplette Inquisition auf die Domäne herabbeschwören. Sie laufenzulassen kam natürlich aus den gleichen Gründen nicht in Frage. Während die einen das weitere Vorgehen berieten und mit einer Lösung und recht zufriedenen Gesichtern zurückkehrten, versuchte Thor mit sichtlicher Freude, Judiths Weltbild ein wenig ins Wanken zu bringen und sie in eine theologisch-philosophische Diskussion zu verwickeln. Angesichts des auf sie gerichteten Maschinengewehrs in seinen Pranken und dem Abdruck seiner Schuhsohle auf ihrem bereits zertrümmerten Knie war Judith jedoch wenig gesprächsbereit, auch wenn sich Thor alle Mühe gab.

Schließlich wurde Judith von den beiden Brujah in die Limousine der Gräfin verfrachtet und in deren Zuflucht eingekerkert, bis -- ja, bis das geschieht, was Vampire mit einer Vampirjägerin zu tun gedenken.
 

Kategorien: Sessionbericht
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