TageBuch20101127

27.11.2010: Blutbad in Beeskow


"Es war ein merkwürdiges Gefühl. Eben noch mitten im Kampf, dann Schwärze und tiefe Bewusstlosigkeit. Ich fühlte etwas an mir, etwas, was an meiner innersten Substanz zu ziehen schien. Eine Ewigkeit schien der Kampf zu dauern, auch wenn ich nicht wusste, warum ich mich dagegen wehren sollte, oder auch nur wie. Aber dann war es vorbei, ich war frei.

Ich greife vor.

Mein Name ist Stanislav Pjotronov, Ancilla von Arcangelo Diachiami, Kind von Reinhard von Clausewitz aus der Familie der Gelehrten. Zumindest ehemals. Heute war der Tag, an dem ich zum zweiten Mal starb.

Ich greife schon wieder vor.

In der vergangen Nacht hatten wir uns, das sind die Truppen der Kamarilla, gesammelt, um Sarah O'Brien und ihre Baggage zu vernichten. In kleine Trupps waren wir aufgeteilt, DrVTCorelli war mein Offizier, Pucinelli aus Neapel ein Truppkamerad. Vier oder fünf weitere Trupps stießen mit uns vor, und eine Reserve wartete auf ihren Einsatz.

Auf dem Weg durch ein kleines Waldstück wichen wir auf einen anderen Weg aus und stießen mit dem Trupp von Siegfried Arend zusammen, in dem auch Dr. Rudolf Schüssler, Ginger Farlay und Wilhelm von Deust waren. Statt einen seiner Späher zu entsenden, schritt Arend selbst voran und löste prompt eine Mine aus, die ihm ein Bein zerfetzte. Dr. Corelli nutzte gleich die Gelegenheit und schnappte sich die drei Irren, da unsere beiden Irren Maedhbh Cowen und Mario Malkat leider nicht konnten -- hatten wohl Besseres zu tun.

Wenige Minuten später trafen wir auf die ersten selbstmörderischen Gegner. Das Handgemenge dauerte nur wenige Augenblicke, ebenso wie das darauffolgende und das darauffolgende und ... -- Sarah schien jede Menge Kanonenfutter zu haben, das sie uns entgegenwerfen konnte. Und bei den anderen Trupps sah es nicht anders aus. Es müssen 20 ihrer Anhänger in der ersten halben Stunde gefallen sein. Verluste auf unserer Seite? Vielleicht ein wenig Blut, mehr nicht.

Erst als wir den Wald verließen und auf eine weite Fläche kamen, wurden die Kämpfe doch herausfordernder, die Gegner zäher, ihr Vorgehen schlauer. Und unsere Fehler offensichtlicher. Die ersten zwei von uns fielen hier, Wilhelmina Reitner und Klaus von Klitzing.

Wir wurden vorsichtiger, sicherten nach allen Seiten ab, immer nur einzelne Schritte voran, sicherten die neue Position und verteidigten uns gegen die zusehends zahlreicheren und zäheren Gegner. In diesen Minuten wand sich mein Glück von mir ab: Eine Gangrel durchbrach meine Verteidigung, unterlief meine Aufmerksamkeit und zerfetzte mit ihren Klauen meinen Körper, das tote, nutzlose Fleisch ... ich schweife ab.

Auch diese Angriffe wurden zurückgeschlagen, jetzt weniger mit meiner Hilfe. Gierig stürzte ich mein Blut hinunter, um Knochen wieder zusammenzufügen, Sehnen und Muskeln wiederherzustellen und wieder kampffähig zu werden. Ich hätte in diesem Augenblick aufhören sollen, es wäre vernünftig gewesen. Aber ich machte weiter.

Und weiter schritten wir auch voran, ließen uns ein wenig zurückdrängen, um dann wieder vorzustoßen. Linie an Linie standen wir uns gegenüber, unfähig den ersten Streich zu wagen, bis sich der Gegner auf eine erhöhte Stellung zurückzog, wo wir auch endlich Sarah stellten.

Dieses Mal ohne zu zögern, stürzten wir uns auf sie. Schon bald zeichnete sich ab, dass der Gegner unserem Ansturm nicht gewachsen sein konnte. Der schon arg mitgenommene Oberst bedrängte Sarah immer weiter, aber es schien knapp zu werden. Knapp, sehr knapp. In diesem Kampf konnten wir ihm nicht helfen. Dann traf es mich erneut und ich stürzte in die Schwärze.

In dem Augenblick, als ich mein Bewusstsein wiedererlangte, wusste ich, dass er mich gerettet hat, oder was von mir noch zu retten war. Ich blickte auf meinen Körper hinab, ich sah Sarah und von Münchhausen umschlungen im Tanz der Diablerie. Nur ein wenig später und meine Seele, meine innerste Substanz wäre von ihr verzehrt worden.

Ich sah mich um. Der Gegner lag größtenteils danieder. Mein Körper begann den langsamen Zerfall in den Zustand seiner Verwesung, wäre er nicht vor mehr als hundert Jahren widernatürlich zurück ins Unleben gerufen worden. Erschrocken stellte ich fest, dass die Fänge der Bestie in meinem Nacken, die sich seitdem dort festgesetzt zu haben schien, nicht mehr zu spüren waren. Ich war frei.

Und ich war nicht allein. Um mich herum standen zahlreiche Geister, die Sarah umzingelten, von Ley und Jester und Münchhausen und alle anderen anfeuerten, Sarah endlich in den Endgültigen Tod zu schicken. Als Jester ihr dann den finalen Schlag versetzte --der Oberst schrie noch, dass Jester das nicht dürfte--, stürzten sich die anderen auf den Seelenkörper, der ihrem Fleischeskörper entwich und -- es ging zu schnell, als dass ich feststellen konnte, was passierte, aber von ihr blieb nichts übrig.

Ich beobachtete, wie Arend meinen toten, verrottenden Körper schulterte und vom Schlachtfeld trug. Ich konnte hören, wie sie vor der Bombe warnten. Und ich überlegte, wie ich ihnen folgen könnte. Kaum hatte ich den Gedanken gedacht, verschob sich meine Perspektive, immer Arend hinterher. Ich bekam mit, wie sie davon ausgingen, dass meine Seele immer noch an meinen Körper gebunden sei, dass ich nur in Starre läge. Ich versuchte ihnen zuzurufen, dass das nicht der Fall sei, aber sie konnten mich nicht hören.

Bis zum Sammelpunkt des vorigen Abends folgte ich ihnen, beobachtete und lauschte. Ich konnte mich der gedrückten Stimmung nicht wirklich anschließen, denn immerhin ging es mir ja gut, tatsächlich sogar besser als seit ... seit meinem vorigen Tod. Erst hier bekam ich das volle Ausmaß unserer Verluste mit -- oder besser: ihrer Verluste, denn ich fühlte mich längst nicht mehr ihnen zugehörig.

Die Nosferatu und den Tremere habe ich bereits erwähnt. Jetzt erinnerte ich mich wieder, wie in den Augenblicken vor meiner eigenen 'Vernichtung' das Blutsband an Juri riss. In dem letzten Ansturm sind auch Wilhelm von Deust, LexPhilander und Thorben William Maria Jack gestorben, auch wenn ich ihre ... Seelenkörper nicht gesehen hatte. Dass meine ehemaligen Artgenossen bei der Verkündung meiner 'Vernichtung' so bestürzt waren, war schon fast schmeichelhaft, wurde aber ein wenig dadurch relativiert, dass sie bei der Verkündung von Lex' Vernichtung ebenso bestürzt waren. Ein wenig mehr hatte ich mir schon erhofft. Andererseits: Ich konnte dabei sein, wie mein Tod bekanntgegeben wird! Als wenn das nichts wert sei.

Der Oberst erhob Anklage gegen Münchhausen, dass er ihm Sarah streitig gemacht habe, aber gegen Jester wollte er gleich klare Verhältnisse schaffen. Es erstaunte mich, dass ich mich über das Eingreifen von Fräulein Tipp nicht sonderlich verärgert war. Eigentlich gar nicht. Auch Jesters Bitten und Betteln berührten mich nicht sonderlich. Das folgende Durcheinander mit gezogenen Waffen, Liedern der Ruhe und hemmungslosen Einsatz körperlicher Kraft möchte ich nicht zu eingehend beschreiben -- irgendwie geht mir das jetzt näher, als ich es gewohnt bin.

Aber das war nichts im Vergleich zu dem Auftritt von Lucas Gates. Ich hätte ihn schon damals umbringen sollen, an dem Abend, wo er sich als Archont des Justikars vorgestellt hatte. Damals hätte mich das kaum Überwindung gekostet. Jetzt? Jetzt schaudere ich bei der Vorstellung von Gewaltanwendung. Der Justikar hatte die Festsetzung von Heinrich Alexander von Ley angeordnet, wegen diverser hanebüchener Anklagepunkte, die einen Justikar so überhaupt nicht interessieren sollten. Das war ein abgekartetes Spiel, das war die Beseitigung eines Komplizen, das war die Kamarilla von ihrer hässlichsten Seite. Ich sah den Zorn in Viktors Augen, ich sah die Ungläubigkeit in Leandras Gesicht und ich sah die Empörung, die Enttäuschung, die Verzweifelung all meiner 'ehemaligen' Artgenossen.

Aber ich sah sie auch nichts machen. Ich sah sie zusehen, wie der Oberst abgeführt wurde. Ich sah meine eigene Feigheit in ihnen."

Eine Träne rann über seine Wange.

"Hast Du es verstanden?" fragte er Stanislav. Stanislav kannte ihn nicht. Er war einfach da gewesen, als er wie versteinert die Szenerie um Oberst von Ley betrachtete.

Stanislav nickte. Mit schwerer, belegter Stimme antwortete er: "Ich denke schon."

Der andere lehnte sich zurück und musterte Stanislav mit seinen schwarzen Augen lange, minutenlang, stundenlang. Zeit spielte keine Rolle und machte eh, was sie wollte. Dann verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln, ein kaltes Lächeln. "Jedes Mal höre ich wieder diese Antwort von Dir, und jedes Mal weiß ich, dass Du nichts verstanden hast."

Jedes Mal? Was sollte das bedeuten. Stanislav wollte protestieren, aber der andere schnitt ihm das Wort ab: "Also wieder: Auf ein Neues!"

Der andere verschwand. Die Szenerie um ihn herum verschwand. Ein Sog packte ihn, riss an ihm, zerrte an ihm, fegte durch sein Innerstes und löste alles von ihm. Als erstes wurden ihm seine Erinnerung genommen, dann sein Wissen und seine Gefühle, und zuguterletzt wurden ihm seine Namen genommen.

1881, Zaryzin, das spätere Stalingrad. Es war früh am morgen des 21. Februar, als Darya Ivanova einen Jungen zur Welt brachte. Sie weinte, sie schrie, es war ihre erste Geburt, zwei weitere sollten noch folgen. Aber sie war auch glücklich. Und mit dem strahlenden Gesicht einer frischgebackenen Mutter nahm sie ihren Sohn aus den Händen der Hebamme entgegen. Im schweren, vom ländlichen Dialekt geprägten Russisch sagt sie ihrem Mann: "Er soll Stanislav heißen, Pjotr! Nach meinem Großvater. Stanislav, mein kleiner Stanislav!"
 

Kategorien: Sessionbericht
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