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Vertigos Brief an die Toreador


Töchter und Söhne der Rose,
Ancillae und Neugeborene der Familie Toreador
zu Preußisch Berlin.
Mein Name ist Endre Bikády Yehudi, genannt Vertigo, Ancilla der Familie Toreador.
Obgleich mein Kind, die schöne Eva Büchner, lange Jahre in Berlin lebte, nehme ich nicht an, dass sie jemandem aufgefallen oder sogar im Gedächtnis geblieben ist. Und sie hätte mit dem Gegenstand dieses Schreibens wenig zu tun, wäre sie nicht in gewisser Hinsicht sein Urheber.
Seht: Ich erschuf mein Kind Eva 1982 in Westberlin. Bis 1988 lebte ich an ihrer Seite, bis ich sie entließ, in den Stand des Neonaten, unter Wilhelm Waldburg. Dann zog mich meine Wanderlust weiter, seit den 20er Jahren zum ersten Male wieder in die Neue Welt, und ich wünschte meinem Kinde alles Glück der Welt.
1988 war Westberlin eine fantastische Stadt, auch und gerade für unsere Familie. Unter Lessing, unter Antoinette waren wir sicher, und Herr Waldburg war ein Freigeist, ein Liebhaber der Kunst, der jeden neuen Impuls begierig aufnahm und in der Stadt willkommen hieß.
Unterdessen Antoinette es mit Vorliebe im Tiergarten und Charlottenburg hielt, war euer Kreuzberg in jenen Tagen »mein Revier«.
Gewiss, die Anarchen der Schwarzen Rose prahlten damit, wie sie Kreuzberg zum multikulturellen Zentrum der Stadt aufgebaut hätten. Damit, dass sie Kreuzberg erobert hätten und es ihnen gehören würde.
Ich ließ sie in jenem Glauben.
Gewiss: Die Schwarze Rose hat wie alle Anarchengruppen des Bezirkes ihren Teil dazu beigetragen, dass Kreuzberg viel freier, viel geladener mit Spannungen, viel »lebendiger« war als andere Bezirke. Aber ohne die Hand unserer Familie wäre Kreuzberg nur ein Türkenghetto oder ein Kampfplatz für Autonome und Nazis geworden.
Erst wir Fautori, erst wir Toreador gaben in die »Kreuzberger Mischung« die Kunst hinzu, machten den Bezirk zu einem Idyll für Künstler aller Disziplinen, zu einem Bezirk der kleinen Cafés und kleinen Bühnen, der Ateliers und Galerien, der Kunstmärkte und der Künstlerkneipen.
Für diese Leistung ernteten wir Beifall. Beifall unter den anderen Familien, Beifall auch von der eigenen Fanilie. Denn in Kreuzberg lebte einmal mehr der Traum auf eines Lebensraumes für freie Geister, ein sorgsam orchestrierter Kunst-Raum zwischen vorkrieglichen Stuckbauten und leeren Fabrikhöfen, darüber das Singen der U-Bahn und der Glanz der nächtlichen Lichter, in dem Artgenosse neben Mensch – und Anarche neben Camarillaner – flanieren, gustieren und Inspiration finden konnte.
Heute frage ich mich oft, warum ich eigentlich fortging. Ich weiß nur noch, dass mir New Orleans in jenen Jahren verlockender schien, und da mein Protegé, ein begnadeter Saxophonist, mit Vehemenz gen New Orleans drang, reiste ich mit – und nun, da er mein Kind ist, hält es mich hier fest.
Nun erreichte mich ein Brief meiner Eva, in dem sie mir mitteilte, dass sie vor kurzem ihre alte Heimat Westberlin besuchte. Und was sie dort sah, und was einer der dortigen Toreador – Sebastian – ihr erzählte.
Sie war traurig über den Lauf, den die Dinge für die Familie in der Stadt genommen hatten. Traurig deshalb, weil Westberlin mit der Mauer mehr verloren hat, als irgendjemand ahnen kann. Traurig auch, weil die Macht unserer Familie im Westteil vergangen ist, der Glanz der alten Tage dahin, und die Stadt ein Spielball der Tremere, Ventrue und Brujah.
In einer Zeit der politischen Umwälzungen scheint für eure Seelen kein Moment übrig, innezuhalten. Und selbst diejenigen unserer Familie, in denen das Feuer der wahrhaftigen Inspiration brennt, scheinen zu erkalten, da sie fortweg dem Sturm der Missachtung ausgesetzt sind.
Ihr müsst über mein Kind wissen, dass ich sie deshalb erwählt habe, weil ihre Sinne die perfektesten sind, die ich je erlebte. Meine Eva vermag einen einzigen Blick auf eine Sache zu werfen, nur ein einziges Gespräch mit jemandem zu führen, und die Hüllen und Masken zerteilen sich vor ihr, bis sie den Grund des Herzens, den Grund der Dinge erblickt.
Darum ist sie zumeist von schwerem Mut, voll Trauer, denn gefangen und hoffnungslos scheint ihr vieles. Wie sich ein jeder machtlos fühlt gegen die Irrungen des ungnädigen Schicksals, verrannt in seine eigenen Träume, ist sie dazu verdammt, dies mit einer Schärfe wahrzunehmen, die wir selbst – geblendet durch unsere heilige Ignoranz – nicht ertragen müssen.
In den verganenen Nächten habe ich ihren Brief wieder und wieder gelesen, und nun hat sich auch in mir der Schmerz in der Seele geregt, dass mein Kreuzberg, mein geliebtes Kreuzberg so vergeht. Und dass meine Familie so gefangen ist, so durch Krieg entzweit und durch Trauer verbittert, dass unser Licht im Westen der Stadt am Verlöschen ist.
So ist also Eva Büchner, mein Kind, der wahre Urheber dieses Briefes.
Und ich wie so oft ach nur ihr Bote, der ausdrückt, was sie nur erduldet.
Seht: Ich mag jung sein nach dem Ermessen mancher, aber ein Feuer brennt heiß in mir, und das ist die Lust am Leben und der Schönheit, ein nimmermüdes Verlangen, dass auch entgegen allen Widernissen sein Recht fordert, voranzuschreiten und nach neuen Höhen zu greifen.
Dies innere Feuer macht es mir unerträglich, gleich Eva ein dunkles Tal nur zu erblicken, es drängt mich vielmehr dazu, das Schlechte niemals hinnehmen zu können, und so seid ihr nun dazu verflucht, diese meine Worte zu ertragen: ERHEBT EUCH!
Der Schlummer eurer Trauer und Enttäuschung, der tiefe Schlaf eures Hasses auch gegen die Ahnen eures Blutes hat lange genug gedauert.
Ja, man hat euch vergessen.
Ja, man hat sich von euch abgewandt.
Ja, ihr wurdet verraten.
Aber verkauft habt ihr euch selbst, und für keinen guten Preis!
Wisset, dass ich mehr denn sonst jemand euren Groll gegen jenen Noah verstehen kann. Ja, für ein wahrhaftes Künstlerherz muss es scheinen, dass er zu viel für seine Politik geopfert hat. Nur frage ich euch: Mit welcher Arroganz vermeint ihr ihm die Schuld an eurer Lage nun noch anzulasten?
Ihr, und gerade Du, Sebastian, der Du so voll schwärendem Hass bist auf die Toreador, welche die politischen Geschicke der Familie lenken und für Dich nichts mit einem Künstler gemein haben, haben Dir doch Dein ganzes Leben lang Deinen dekadenten Lebensstil erkauft!
Gerade jetzt erst erlebst Du doch, was geschieht, wenn keiner jener »intriganten und ob ihres gesellschaftlichen Standes blasierten Poseurs« an der Spitze steht, um den politischen Druck von den wahrhaft Begnadeten abzuhalten!
Was ist denn der Künstler ohne Galerie? Was ist der Poet, der Avantgarde, der Revolutionär in Wort und Bild ohne den Schutz seiner Gönner, die ihm die Zensur der Kleingeistigen und die Winkelzüge der Politiker vom Halse halten?
Erkennt doch, dass unsere Familie ein lebender Organismus ist, ein einziger schöpferischer Geist, der sich in Leben, Tod und Streben ganz der Schönheit der Welt und dem Schaffen gewidmet hat, und dass dieser Geist eben nicht nur darin besteht, Kunst zu schaffen, sondern auch sie zu fördern und zu erhalten!
Ihr Künstler habt keinen Grund, auf jene hinabzublicken, die euer Werk erhalten und euch schützen. Ihr Genies – reale wie eingebildete – habt keinerlei Anlass, geringschätzig von den Fautori auch nur zu denken, denn sie erst geben euch den Freiraum, in dem ihr euch entfalten könnt.
Indes habt ihr auch Recht:
Ich höre oft aus der Alten Welt, dass in der Familie das Streben nach Macht und das Ränkespiel gesellschaftlicher Konvention die freien Künste zu ersticken droht. In manchen Domänen Europas scheint es wahrhaftig so zu sein, dass einige unserer Familie so verblendet sind von ihrem gesellschaftlichen Stand, dass sie den wahrhaften Grund, aus dem sie diesen innehaben, den Zweck, den sie mit ihm erreichen müssen, nämlich die Förderung und den Halt der »enfants terribles« der freien Künste, vergessen haben.
Aber kann die Abkehr von der Konvention, das Verleugnen der simplen vampirischen Notwendigkeit des gesellschaftlichen Existenzerhaltes die angemessene Antwort darauf sein?
Ich glaube nicht.
Das freie Kreuzberg bleibt nur so lange frei, wie die Macht der Familie es vermag, andere Interessenfraktionen fernzuhalten. Das Maß der Toleranz, dass von den Herrschendem jenem Freiraum im oppressiven Europa entgegengebracht wird, hängt direkt davon ab, wie sehr man den Bezirk in Sicherheit weiß.
Zwischen dem herrschendem Popanz auf dem Thron, welchen Blutes er auch immer sei, und dem freigeistigen jungen Genie und Rebellen kann es niemals eine erfolgreiche Kommunikation geben, kein Verständnis, kein Entgegenkommen.
Hier bedarf es eines Bindegliedes, das sowohl die Sprache des einen als auch die Sprache des anderen versteht, dem beide vertrauen, trotzdem – nein, gerade weil er den Kontakt zum »Feind« unterhält – und darin besteht die Kunst jenes Vermittlers, jenes Virtuosen auf dem Instrument der Kommunikation.
Ihr seid nicht dumm, das weiß ich bestimmt. Bestenfalls beleidigt, wie es die (Un-)Art unserer Familie ist.
Ich sage euch: Um eure Ars Vivendi umzusetzen, um euch die Freiräume zu erhalten und noch zu erobern, derer ihr für die Entfaltung eures Geistes bedürft, müsst ihr der Familie in Preußisch Berlin zu neuer Größe verhelfen.
Erst wenn ihr eure selbstverhängte Isolation aufgebt, eure eremitenhafte Zurückgezogenheit opfert, die Unbilden des gesellschaftlichen Parketts meistert und somit den Ahnen, die ihr so verachtet, vor die Augen haltet, dass Freigeistigkeit und politische Macht gemeinsame Wege gehen können, werdet ihr euren Frieden finden – und die Anerkennung erhalten, die ihr ob eures Genies und ob eurer Haltung verdient.
Und ich weiß eines: Dass ihr inzwischen nach Applaus mehr dürstet als nach Blut!
Und ich werde euch dabei helfen, euren Durst zu stillen, bis ihr den Becher ausgetrunken habt und gesättigt vor Lust zufrieden in die Kissen eures Erfolges sinkt. Um hungriger zu erwachen, als ihr jemals ward, denn ihr erahnt noch nichts von den Möglichkeiten, die in euch schlummern.

Die Gilden

Wenn es eine Versammlung von Toreador gibt, für die sich die Wiederbelebung der Gildenidee als wahrhafter Lebensborn erweisen kann, so seid ihr es, ihr Kinder der Rose zu Preußisch Berlin.
Ihr mögt von den Gilden gehört haben, vielleicht gar gespottet haben über die anmaßende Vorstellung, das ganze Universum des Schöpfertums in 5 Ordnungssysteme unterteilen zu wollen, aber indem ihr weiter lest werdet ihr erkennen, welches Potenzial sich für euch in der Gildenidee erschließen kann.
Fragt euch doch:
Wer von euch fühlt sich verstanden?
Wer von euch vermag in einem anderen in eurer Domäne eine verwandte Seele zu erblicken?
Die Gilden geben euch die Möglichkeit, euer Spiegelbild in den Augen des anderen zu finden. Es geht doch nicht um Gleichschaltung – sind wir denn Ventrue? – sondern darum, einem jedem einen Kreis von Toreador gleicher Gesinnung zu erschließen, in dem sich wesentlich produktiver, effizienter und vor allem viel angeregter über die ewigen Fragen der Kunst streiten lässt.
Was hätte ein Tänzer, dessen eigener Leib das Medium ist, durch das er die Seelen seiner Zuschauer berührt und auf ewig verwandelt, schon einem Bildhauer zu sagen, der mit seiner Fertigkeit und dem rauen Erz der Natur einen Augenblick für alle Zeiten einfängt?
Eine solche Diskussion würde doch zu schnell am unüberwindbaren Zwiste von Vergänglichkeit contra Ewigkeit, Lebendigkeit contra Beständigkeit enden – und der Rest in steigende Beschimpfungen zerfallen.
Durch solche zerstörerischen Reden ist noch nichts erreicht worden, und für keinen der Streitenden ginge der kleinste Vorteil für seine immerwährende Seele aus dem Zwist hervor. Zwei Komponisten hingegen – so verschieden ihre Kunst auch ist – vermöchten in ihrem Zwiegespräch dem Wesen der musikalischen Schönheit stets näher zu kommen, ohne sie je zu erreichen – und doch an jedem Worte des verhassten Sturkopfes reifen, mit dem man doch das Herz der eigenen Leidenschaft – die Musik eben – teilt.
Das ist nach meiner Auffassung das wahre Herz der Gilden, und darum auch sind fünfe genug. Nicht um wie in der Zeit Michaels dem Künstler Ketten eines einzigen Idealbildes jeder Gilde vorzuschreiben, dass dieser nolens volens zu erreichen hatte, andernfalls er als entartet und untalentiert verschrien würde, sondern als Podium einer einzigen Inkarnation von Genie, das völlig verschiedene Toreador vereint und im Herzen zusammenführt.

Erkennt doch:
Die Lokalität ist unser wahrhaftes Gefängnis!
Sie ist es, die den Ausdruckstänzer verbittern lässt, da er sich eingekerkert unter Steinmetzen wähnt. Sie ist es, die als höchstes Ordnungsprinzip der Familie doch den Komponisten dazu verdammt, sich unverstanden unter Harpyien bewegen zu müssen.
Erkennt doch, wie gefangen ihr selbst seid, gekerkert durch die banalste und euch unwürdigste aller Konventionen: Den physischen Ort eures Aufenthaltes und die Gesellschaft, die dieser Ort euch aufzwingt!
Die Gilden durchbrechen dieses beschränkte System, dass alle anderen Kulturfamilien so gefesselt und geknebelt hält. Sie sind eure Heimat, eure Familie, die bei euch ist und in der ihr Partner zum Gedankenaustausch, Stützen und Mentoren habt, völlig egal, wohin die Winde des Schicksals oder euer eigener Sinn euch führt.
Diese Gilden will ich euch vorstellen, damit ihr erkennt, welch glanzvolle Bühne sie für euch bieten, die ihr euch von Philistern umgeben und unverstanden fühlt.

Die Geschichte der Gilden
Ich weiß nicht viel über die Ursprünge der Gilden. Nur, dass sie sehr sehr alt sind.
Woran ich mich indes mit sehr viel Klarheit erinnere, sind die Worte, die mir mein Erschaffer mit auf den Weg gab, um mir das Wesen des Schaffens und damit letztlich den Sinn unserer Existenz zu offenbaren.
»Am Anfang war nur das Hören, das Sehen, das Riechen, das Schmecken und Ertasten, und Quell all jener Empfindungen war die Natur, die uns umgibt. Später lernten die Menschen, den Ursprung jener Empfindungen zu verändern. Lernten, die Natur nach ihrem Zweck zu formen.
Dann, als der Mensch begann, die Natur über das Maß dessen, was er unbedingt zum Leben brauchte, zu formen, ward die Kultur geboren, und mit ihr das, was wir Ästhetik heißen. Damit einher ging die Geburt des Verlangens, Dinge ohne praktischen Sinn zu schaffen, um des Schaffens, rein um der Schönheit willen. Um des Verlangens willen, der eigenen Seele Ausdruck zu geben. Um dem eigenen Glauben, den Göttern, der Natur selbst zu huldigen.
Und so ward die Kunst erschaffen.
Von jenen Tagen an, da die Menschen sich ihrer eigenen Existenz und Sterblichkeit bewusst wurden, war Kunst ein spiritueller, ein heiliger Akt. Der Prozess des Schaffens selbst faszinierte den Menschen, und durch dieses Schaffen etwas Einzigartiges, nie Dagewesenes zu zeugen war wahrhaftige Magie.
Es war diese Magie in Lied, in Tanz, in Sprache, welche die Stämme zusammenhielt. Ihnen Identität und Geschichte gab. Und die Magie der Skulpturen und der Malereien war es, die ihren Wünschen und Vorstellungen eine Form gab, sie weiter einte und ihr Andenken in Ewigkeit erhielt, jenseits allen Todes.
Diejenigen, welche die Gabe des Schaffens besaßen, diejenigen, welche diese magischen, heiligen Dinge tun konnten, die Natur zu formen und den Stamm zu einen, wurden als heilige Frauen und Männer verehrt. Kunst war Magie. Und Magie war Kunst.
Und durch die Verehrung der Talentiertesten in jener Kunst wurde eine Elite geboren, die abgesondert war vom Rest der Menschen, und sogar als den profanen Menschen überlegen galt.
Als das Leben komplexer wurde und die Gemeinschaften wuchsen, mussten die Mitglieder dieser Elite erkennen, dass es ihnen nicht möglich sein würde, der heiligen Essenz ihres Schaffens – und damit dem Schöpfer selbst – näher zu kommen, solange die profanen Pflichten des Regierens und Schlichtens, der Beratens und Kurierens sie beständig von der Queste nach Perfektion abhielten. Und so gaben sie diese Pflichten an diejenigen weiter, die weniger beschenkt waren mit den Gaben des Schaffens: An diejenigen, die Führer, Krieger und Könige werden würden.
Diese würden fortan die Geschicke leiten, die Gemeinschaften beeinflussen, unterdessen die wahrhaften Künstler ihrem eigenen Wege folgen würden, einem höheren Weg nach dem höchsten aller Ziele, der Perfektion und dem Verständnis vom Wesen und der Heiligkeit der Schönheit, und damit der Welt.«
Ich weiß nicht, ob diese Worte euch, Kinder dieser Zeiten, so sehr berühren können wie mich damals, aber auch euch dürfte wenigstens eine Erkenntnis zuteil geworden sein:
Dass die Beschäftigung mit den Banalen für jeden wahren Künstler eine fürchterliche Verschwendung seiner Zeit ist und damit das eigene Streben nach der wahrhaftigen Kunst, der Essenz der Welt behindert, und es darum im Interesse eines jeden ist, sich im Streben nach Vervollkommnung seiner Kunst mit solchen zu umgeben, die größer sind denn man selbst, statt auf ewig umgeben von Kleingeistern und Schmeichlern seine Lebenszweit mit banalen Dingen zu verschwenden – und so sein gottgegebenes Talent zu verschleudern.
Dies müssen die Gedanken gewesen sein, die ursprünglich zur Gründung der Gilden geführt haben. Dies freilich und die damalige antike Weltauffassung, dass die Ästhetik eine mathematisch erfassbare Größe beinhaltet, dass Wohlproportion der äußeren Gestalt ebenso wie Melodik in späterer Zeit starren Gesetzen gehorcht, gottgegebenen, heiligen Grundsätzen, derer man sich sorgsam und durch handwerkliche Perfektion nähern kann.
Dies kennzeichnet die Antike: Die Wiederspruchslosigkeit zwischen Mathematik und Kunst, die Suche nach einer göttlichen Zahl, einer universellen Formel, das fanatische Streben nach Perfektion – und damit das immer fortwährende Einschränken der Gestaltungsmöglichkeiten, das erst viele Jahrhunderte später endgültig durchbrochen und in ihr Gegenteil verkehrt werden sollte.
In jener alten Zeit, in der Antike, wurden wohl dann zwei Gilden geschaffen, und diese sind die ältesten: Die Gilde Apollon und die Gilde Athenes. Über die letztere weiß ich nicht viel, leider, aber über die erstere wusste mein Erschaffer – selbst ein Mitglied der Gilde in späterer Zeit – viel zu erzählen.
So schilderte er mir in meinen ersten Jahren als Kind der Rosenfamilie nächtelang von den großen Zeiten der frühen Gilde, als die Anhänger aller 9 Musen sich alle 4 Jahre in Delphi versammelten, um die Pythischen Spiele zu Ehren des Gottes Apollon zu feiern. Nicht nur Prosa und Poesie, Tanz, Theater und Musik waren die Disziplinen jener »Olympischen Kämpfe«, sondern auch Geschichtserzählung, Philosophie und Astronomie – denn Mathematik und Kunst waren eins, waren Magie, waren Natur und trugen als solche die Heilige Saat der Welt in sich.
Wettstreit und Belehrung – Agon und Didaskon – wurden zu den beiden leitenden Prinzipien der innerfamiliären Beziehungen – und blieben es für die kommenden Jahrtausende.
Die Unterteilung und Konzentration der Familie auf zwei Gilden, Apollon und Athena, erlaubte es unserer Familie sehr viel koordinierter und umfassender auch die menschliche Gesellschaft zu beeinflussen und somit unsere Familie zu stärken. Die “Styloi” wurden die Gilden genannt, und wahrhaft: Sie waren zu Säulen geworden, auf denen die Macht unserer Familie ruhte, und abgesehen von einigen Vereinbarungen, die wir mit Familie Brujah hatten, regierten wir frei über das festländische Griechenland, genannt Hellas.
Unsere politische Stärke war letztlich der Quell unseres Unterganges, so wie es durch Uriels Fluch über Kain immer war und immer sein wird. Brut gegen Brut, Schule gegen Schule, Familie gegen Familie wurde viele Jahrhunderte um Rom und Griechenland gerungen.
Am Ende zerfiel die Gilde Athenas in zwei Einzelgilden, oder besser: Sie zerfiel ohne Erbe, und aus ihren Trümmern erhoben sich zwei neue Gilden: Die Minerva Gilde, welche sich ganz der Kunst als den Menschen in jedem Tun und Sein umgebende Kraft widmete, und die Gilde Pygmalion, deren antirömische Kraft ganz auf den Erhalt der einzigen, ursprünglichen, wahrhaftigen, heiligen Kunst gegen die pragmatische, »zum Zierrat verkommene« Kunst richtete.
Andere Gruppierungen innerhalb der Toreador gab es immer, aber die meisten waren nicht von langem Bestand und sollen daher auch in diesem Rahmen nicht weiter erwähnt werden – trotzdem viele, wie etwa die Calliopeden, einen enormen Einfluss auf die Entwicklung unserer Familie hatten.
Am Ende vergingen alle Gilden – denn mit dem Zusammenbruch Griechenlands und Roms und dem Hereinbrechen der Nacht des wahrhaft finsteren Mittelalters zerfiel unsere Familie, und alles Streben nach der endgültigen Weisheit und Perfektion, das ganze Wissen, das die Gilden und Dichter und Denker der Antike gesammelt und weiterentwickelt hatten verging.
300 Jahre lang währte diese Zeit der Finsternis. Wo die Gilden noch bestanden, rangen sie gegeneinander und gegen viele der neueren Gruppierungen innerhalb der Familie und erschöpften sich so stets aufs Neue – zur Freude der anderen Familien – ehe durch die Gründung der Nemesis Gilde die Zeitenwende der Toreador eingeläutet wurde.
Eine Gilde, um zwischen den anderen Gilden zu vermitteln. Eine »Gilde der Gilden« – bestehend aus jenen, die ihre Brillanz und ihr Genie in mehreren Gilden bewiesen hatten und so das Vertrauen und den Respekt besaßen, um als Parlamentäre und Sprecher der Familie zu fungieren. Eine revolutionäre Idee, welche die Grundfesten der Gildenstrukturen, ein bisweilen bizarr überladenes System aus Rängen, Ritualen und zuweilen gar eigenen Sprachen zum Zerbersten bringen sollte – ein nicht unangefochtener Prozess, von dem viele meinen, er setze sich noch heute fort.
Unstreitbar ist, dass mit dem Jahre 800, der Zeit der Gildengründung Nemesis‘, die Renaissance der Familie Toreador begann. Aus der Asche erhoben wir uns, und insbesondere in Frankreich, durch den Grand Court, kamen wir zu neuer Macht.
Unter der Führung der Nemesis Gilde wurden die anderen Gilden neu strukturiert und erhielten eine Rangfolge, die auch in der heutigen Zeit wieder ihre Gültigkeit hat:
Gab es in früherer Zeit unter dem Phoiboleptos, dem Großmeister, nur den hohen Rang der Gnostes (Gildenmeister) und die niederen Ränge der Synergates und der Paideuma, so wurden nun 3 neue Stände geschaffen:
Die Blastema als »Anwärter« der Gilde, die erst noch die Basiskenntnisse des Gildelebens erlernen mussten, ehedem sie sich zum Paideuma qualifizieren können, die Technites als direkte Anwärter auf den Rang des Gildenmeisters (Gnostes) und die den Gnostes überstellten Didaskalos.
Zu meriner Schande muss ich zugeben, dass mir selbst die feineren Unterscheidungen der einzelnen Ränge unbekannt sind – wohl nicht zuletzt deshalb, weil wir hier in der Neuen Welt doch eher großzügig mit den einzelnen Rängen umgehen, ja, bisweilen sogar auf feinere als die ursprünglichen 3 Einstufungen verzichten, so dass ich euch wenig mehr sagen kann als dass die Reihenfolge der Ränge nun die folgende ist:
Phoiboleptos
Didaskalos
Gnostes
Technites
Synergates
Paideuma
Blastema
Zu den 4 Gilden Apollon, Minerva, Pygmalion und Nemesis gesellte sich nach 1400 noch die Gilde Fautori, die aus verschiedenen Splittergruppen (darunter die Calliopeden) hervorgegangen war und sich der Wahrung und Förderung der »sozialen Künste« widmete und heute wieder widmet.
Unter der Kraft dieser 5 Säulen der Familie wuchs und gedieh unsere Macht, zunächst in Italien und Frankreich, später dann in ganz Europa, dann der Welt. Umso erschreckender war für viele der zweite Zerfall unserer Styloi nach der Ära des Klassizismus.
Mit den revolutionären neuen Auffassungen von Kunst, mit dem folgenden Advent solch technischer Durchbrüche wie Photographie und dann Film wurde die Philosophie vieler Gilden in Frage gestellt. War Cinematographie etwas Ewiges, gleich der Künste Pygmalions, oder eine flüchtige Inszenierung, der Gildenauffassung Apollons entsprechend? War Kunst Restriktion in der Anwendung von Farbe und Form, Abbildung und Interpretation der uns umgebenden Natur, oder durfte sie auch Form und Ästhetik pervertieren, sie kubistisch verzerren und wie viele meinen vergewaltigen, um einen tieferen Einblick in die Seele der Dinge zu eröffnen?
Erneut waren die Styloi der Familie zu den Quellen unseres Unterganges geworden, indem die Leidenschaft im Ringen um Wahrheit die Einheit desr Familie zu zerschmettern drohte.
Erst heute, erst in diesen Nächten haben es die Ahnen für angemessen erachtet, die Styloi wiederzubeleben und durch sie die Familie zu neuen Höhen zu führen, zu neuen Erkenntnissen, näher zur heiligen Essenz der Schönheit.
Wir wie die Menschen haben den Bruch von der Klassik zur Moderne gewagt und überwunden. Der Kunstbegriff hat sich erneut erweitert, das Festhalten an der überlieferten Wahrheit einmal mehr der Erkenntnis Platz gemacht, dass das Rätsel der Schöpfung sich noch von vielen weiteren Ansätzen aus entschlüsseln lässt, und weitaus komplexer ist, als wir denken – wie es immer weitaus komplexer geworden ist, je komplexer die Beziehungen der Menschen untereinander und die Quellen der Inspiration geworden sind.
Dies ist die Einladung und die Verheißung, die von den Gilden ausgeht:
Die neuen Künste nicht auszuschließen, sondern aufzunehmen. Neue Medien und die Erkenntnisse der Vorfahren zusammenzuführen, um noch mehr voneinander lernen zu können und die eigenen Künste zu neuen Ufern zu führen, von denen wir nicht einmal zu träumen wagten.
Furcht sollte nicht euer Mentor sein – die Furcht vor der Konkurrenz, vor dem größeren Genie eines anderen, der Bloßstellung – sondern die Schönheit in all ihren Formen, Arten und Abarten.
Seid nicht zufrieden mit dem, was ihr schon seid. Sondern erschließt euer Pontenzial zur Gänze, und bezwingt euren Neid auf jene, die größer sind als ihr, auf dass ihr größer werden könnt denn alle.

Die einzelnen Gilden

Was ich euch über diese sagen kann, ist wenig. Und mag tatsächlich falsch sein. Denn trotzdem mein Erschaffer mir manches erzählte, schwieg er auch über vieles, denn die Gilden sollten vergessen sein, um eines Nachts neu belebt zu werden.
Was ich euch mitteile ist dies, was mir zugetragen wurde. Erzählungen meines Erschaffers mischen sich mit den Gerüchten, die mir aus neuerer Zeit zugetragen wurden, und drüben bei euch in der Alten Welt mag vieles anders und gewisslich vieles komplexer sein, als es hier den Anschein macht.
Ich kann euch nur raten, indem ihr in einer der Gilden ein mögliches Zuhause für euch erkennen mögt, dass ihr euch an einen Ahnen eurer Familie wendet. Dieser wird euch sicherlich einen nennen können, der euch in die Gilde einführen kann.
Auch hörte ich, dass nun in der Alten Welt auch wieder Pythische Spiele stattfinden – zwar nicht so glanzvoll wie früher, dafür aber auch nicht nur alle 4 Jahre, denn durch jene Spiele sollen die Gilden erst neu entstehen, und jeder den Rang erhalten, den er verdient und im Wettstreit mit anderen erweist.
Ich bezweifele, dass irgendeiner ohne die Teilnahme an solchen Spielen mehr denn ein Blastema sein kann, aber ich mag mich irren. Lady Visconti aus Hamburg wird sicherlich diese und andere Antworten wissen, denn soweit ich gehört habe ist sie die Erste Harpyie eures Landes – eine Nemesis gar? - und kennt daher die Wege aller Gilden.

Apollon

Die älteste der Gilden ist die Gilde der Musen und Darstellenden Künste. Sie ist das Heim der Musiker und Tänzer, der Dichter und Pantomimen, der Schauspieler und Choreographen, auch der Autoren.
Kunst, so sagt die Gilde, umfasst alle Sinne und ist lebendig, und erfordert somit Leben, um sein zu können. Die Seele des Betrachters lässt sich nicht wahrhaft berühren, indem Kunst zu einem Objekt, zur Zier in einem Raum degradiert wird.
Die heilige Kunst hat das Anrecht allumfassender Aufmerksamkeit ihres Publikums, und so vermag sie die Seelen zu berühren und auf immer zu verändern, als heiliger Akt.
Für die Künstler dieser Gilde ist der eigene Leib, das eigene Sein das Medium seiner Kunst. Durch Bewegung, Gestik, Gestalt, Stimme verzaubern, nein, zaubern sie. Es ist wahrhaftige Magie, die hier gewirkt wird, die Roheste und Urtümlichste aller Künste, das Eintauchen mit ganzer Seele, ganzem Körper, ganzem Sein in die rohe heilig-magische Essenz der Schönheit.
Der Moment währt ewig.

Pygmalion

Ist die Essenz der Kunst Apollons eben gerade ihre Flüchtigkeit, steht die Gilde der feinen Künste, Pygmalion, für die Ewigkeit der Kunst selbst. Zu dieser Gilde zählen die Maler und Bildhauer, auch die Fotografen, die den Augenblick, die sie umgebende Natur kraft und Macht ihres Willens in ein ewigwährendes Kunstwerk bannen.
Die Werke der Kunst sind Objekte und daher vor allem visuell erfassbar (auch wenn modernere Schöpfer von Kunstobjekten auch den Tastsinn und das Hören tiefer und tiefer in die Gestaltung ihrer Objekte integrieren).
Die Künstler dieser Gilde nehmen die sie umgebende Natur und verleihen ihr in einem schöpferischen Akt eine neue Gestalt. Diese neue Gestalt »ist«, ebenso wie die Natur – bis ein bewußter Betrachter die Gestalt erneut wahrnimmt und die Schönheit in ihr entdeckt.
Getränkt von der Essenz ihres Erschaffers, berührt auch das Objekt seiner Kunst die Seelen der Betrachter, und dies nicht vergänglich-flüchtig-ersterbend, sondern für alle Zeiten, für die Ewigkeit.
Der Moment, gebannt in Ewigkeit.

Minerva

Verschieden mögen Apollon und Pygmalion sein – einig aber sind sich jene beiden Gilden meist, dass sie alleine die wahrhaften Künstler sind. Die Minerva Gilde hingegen wird darum gering geschätzt, weil sie ihre schöpferische Kraft in den Dienst eines bestimmten Zweckes stellt.
Statt die Kunst von der Lebenswelt der Menschen zu isolieren, sie abzusondern, strebt die Minerva-Gilde danach, jede Faser unseres Daseins mit Kunst förmlich zu durchdringen, auf dass wir nicht nur im Moment, da wir ein Stück sehen oder ein Bild betrachten, sondern zu allen Zeiten von schöpferischer Schönheit umgeben sind.
Zu dieser Gilde gehören Dekorateure, Bühnenbildner, Architekten, Schneider, Designer, Grafiker.
Über die Abschätzigkeit, mit denen man diesen »Handwerkern« begegnet, sind viele in der Gilde zutiefst erzürnt – unterdessen andere über die Blasiertheit der selbsterklärten »wahren Künstler« nur lachen können. Denn wer schätzt die Kunst der Minerva mehr denn jene Schauspieler und Maler, die sich mit schönen Kleidern schmücken, in schönen Haven leben und schöne Dinge um sich wollen?

Fautori

Die Gilde der sozialen Künste ist jünger als die anderen, und kämpft noch immer um ihren Platz in der Familie gegen die oft überzogene Arroganz der »wahren Künstler« der Gilden Apollon und Pygmalion.
Die Mitglieder der Gilde Fautori – Kunstliebhaber, Politiker, Mäzene, Rhetoriker, Bon Vivants, Salondamen und –herren – lieben die Kunst. Mehr noch: Sie verehren und vergöttern sie.
Befreit von dem Makel der ewigen Ichfixiertheit, der es so vielen unmöglich macht, die Kunst des anderen zu schätzen, widmen sich die Mitglieder dieser Gilde ganz der Förderung der Kunst an sich – Die Kunst ist ihr Gott, und sie sind die Priester dieses Göttlichen.
Der leider historisch völlig unkorrekt zum Schimpfwort degradierte Begriff »poseur« vermag nicht zu fassen, was das Herz dieser Gilde – zu der ich im übrigen selbst gehöre – ausmacht.
Wir erreichen durch unser Wirken, dass große Kunst ihr Publikum erhält. Wo wir Schönheit und Genie finden, nehmen wir uns dessen an, sorgen für die Bedürfnisse und schaffen so den Freiraum, den der Künstler für sein Schaffen braucht.
Kunst ist wertlos, wenn sie nicht wahrgenommen wird. Kunst um der Kunst willen ist Vergeudung. Durch unser Wirken tragen wir sorge, dass viele die wahrhafte Kunst erleben können. Durch unseren schöpferischen Prozess, unsere gesellschaftliche Kunst, durch die Orchestration der Massen und auch der Blinden erschaffen wir den Künstler selbst.
Wir behaupten nicht, wichtiger zu sein als der Künstler selbst. Aber wir lassen uns auch nicht mit Undank entlohnen oder verspotten, denn ohne unser Zutun wäre schon manches Genie unerkannt gestorben und vergangen.
Wir missionieren im Namen der Kunst. Wir beleben sie und schaffen das Umfeld, in dem sie entstehen kann und Wertschätzung erfährt. Unter unserer Führung entsteht das Klima, in dem Künstler heranreifen und Kunst schaffen können, und indem wir dies tun, geben wir der Welt mehr Schönheit.

Nemesis

Die »Gilde der Gilden« steht dem Unerfahrenen nicht offen. Nur Ahnen und wenige besonders talentierte Ancillae, die in mehreren Gilden Rang und Namen haben, können in diese Gilde eingeladen werden.
Es ist die Gilde der Kritiker, der Harpyien und des Status, und was vor den Augen dieser Gilde Wertschätzung findet, darf sich der höchsten Auszeichnung sicher sein, die unsere Familie vergeben kann.
Beliebt ist die Gilde freilich nicht. Anerkennung gebiert Neid und Missgunst, und allzu häufig hört man von geheimen Absprachen und Intrigen um mehr Anerkennung.
Fest steht indes, dass ihr Urteil für gewöhnlich akzeptiert wird – und dies ist auch gut so, denn alleine die Mitglieder dieser Gilde vermögen einen Streit zwischen zweien der anderen Gilden zu schlichten. Vielleicht hat hier der alte Spruch »der äußere Feind erzeugt innere Einheit« noch mehr Wahrheit als auf dem Schlachtfeld.

Abschließende Worte

Ich wünschte, ich könnte euch mehr mitgeben als ein paar aufgeschnappte Brocken von Halbwissen und ein gehöriger Tritt in den Allerwertesten, aber ich trage mich mit der Hoffnung, dass dies genügen möge, um die Familie in Berlin-West, meiner alten Wahlheimat, zu einer neuen Rennaissance zu bringen.
Vielleicht nicht obwohl, sondern gerade weil ich eurer Domäne so fern bin, vermögt ihr meinen Rat zu beherzigen, denn nicht Hoffart oder Neid treiben mich zu diesem, sondern alleine die Traurigkeit in den Augen meines Kindes, dass eure Gefangenschaft sieht und keinen Weg für euch hinaus kennt.
Alles in allem scheint mir euer Stand nicht so schlecht. Zwei Häuser, in denen ihr Mitglied seid, davon ein Hohes Haus, und ein Bezirk – mein Kreuzberg – das dem anderen Haus gehört.
Ich werde mit Freuden lauschen, welch große Dinge die Familie der Rose zu Preußisch Berlin zu leisten vermag, und wage zu prophezeien: Wenn ihr nur wollt, wenn ihr nur Mut habt, so wird eure Domäne vor allen anderen der Alten Welt bald den Respekt und den Applaus der Familie erringen.
Denn nirgends auf meinen Reisen fand ich einen solch fruchtbaren Grund, auf dem Kunst, Schönheit und Hässlichkeit besser gedeihen als auf den Trümmern von Germania.
New Orleans, im Januar 2001
Endre Bikády Yehudi
Vertigo
Ancilla der Familie der Rose
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